Von Karsten Stumm
Hamburg - Was für ein Wandel. Deutschlands Arbeitslosenzahlen erscheinen plötzlich auf den Titelseiten internationaler Tageszeitungen. Zugegeben, nicht direkt neben dem neuesten Partybericht über Paris Hilton. Dafür aber mit wohlwollendem Unterton. Und die künftigen Arbeitslosenmeldungen aus der Bundesrepublik könnten für noch mehr Aufmerksamkeit sorgen. Kein Wunder.
Das einst überragende Schwächezeichen der Bundesrepublik, die Millionen jobloser Frauen und Männer, verblasst seit 2007 mehr und mehr. Auch jetzt, zum Ende der Wirtschaftskrise: Die gerade bekannt gegebene aktuelle Arbeitslosenziffer von 3,643 Millionen im Februar nötigt plötzlich Respekt ab. Genau das ist der Wandel.
Gemessen an der Tiefe der Rezession, aus der sich die Bundesrepublik mühsam herausarbeitet, zeigt der Arbeitsmarkt hierzulande Zähigkeit. Die Arbeitslosenquote stieg auch im Februar nur um 0,1 Prozentpunkte auf 8,7 Prozent, wie die Bundesagentur für Arbeit am Donnerstag mitteilte - trotz des strengen Winters, der die Konjunktur beeinträchtigt. So muss die Bundesagentur für Arbeit seit Ausbruch der Wirtschaftskrise auch erst knapp 4 Prozent mehr Frauen und Männern bei ihrer Suche nach einem neuen Arbeitsplatz helfen - schlimm genug. Aber in Spanien beispielsweise sind verglichen mit dem Vorkrisenstand etwa doppelt so viele Menschen arbeitslos gemeldet. Und jetzt gibt es Gründe anzunehmen, dass sich Deutschlands vermeintliches Jobwunder fortsetzt.
3,44 Millionen Beschäftigte der deutschen Metall- und Elektroindustrie haben mit ihren Unternehmensvertretern in der vergangenen Woche einen einmaligen Pakt geschlossen: Sie verzichten für etwa zwölf Monate auf Lohnerhöhungen. Von kleineren Einmalzahlungen abgesehen sollen ihre Gehälter frühestens im April 2011 um maßvolle 2,7 Prozent steigen.
Zugleich nehmen die Beschäftigten auch noch Abstriche beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld hin; sie werden es im Kurzarbeitsfall künftig nicht mehr in der bisherigen vollen Höhe erhalten. Das alles im Gegenzug für eine Jobgarantie ihrer Unternehmen.
Diese Garantie steigert die Chance, dass sich die bisher zurückgestaute, kalte Flut der Massenarbeitslosigkeit in diesem Jahr doch nicht über Deutschland ausbreiten wird. Schließlich haben gerade die Tausenden Industriebetriebe in der Bundesrepublik von den bestehenden Kurzarbeitregeln in den vergangenen Monaten mit Erfolg Gebrauch gemacht - und deren Nutzung wird jetzt attraktiver. Wenn auch zulasten der Steuerzahler, die für die neuerliche Kostenverbesserung der Unternehmen geradestehen müssen.
Sicher, Kritiker werden einwenden, dass dieser Krisentarifvertrag zwar den Bürgern der Bundesrepublik Entlastung bringe. Dass damit aber im Gegenzug wieder Deutschlands Euro-Partnerstaaten unter Druck gesetzt werden - weil sie gegenüber ihren deutschen Konkurrenten in der Metall- und Elektroindustrie im Lohnstückkostenwettbewerb womöglich weiter ins Hintertreffen geraten und tiefer in die Krise rutschen. Das manager magazin hat ausführlich über das vermeintliche deutsche Lohndumping berichtet. Doch was wäre der Ausweg?
Wer will von den Familien hierzulande verlangen, Arbeitslosigkeit für sich und deshalb schlechtere Perspektiven für die eigenen Kinder hinzunehmen? Vor allem die asiatische Konkurrenz wird wohl kaum auf deutsches Stillhalten zum Wohle anderer europäischer Staaten Rücksicht nehmen, sondern jedes Nachlassen fix ausnutzen. Und verlorene Weltmarktanteile und Arbeitsplätze kommen oftmals nie wieder zurück.
Deutschlands Angestellte in der Metall- und Elektroindustrie müssen sich deshalb nicht schämen, gegen die Krise anzukämpfen. Gegen die Unterauslastung ihrer Fabriken. Im Gegenteil. Und in manchen anstehenden Tarifauseinandersetzungen wird sich zeigen, ob noch ein paar Millionen Beschäftigte mit an ihrer Seite kämpfen werden.
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