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22. Februar 2010, 07:46 Uhr

Pilotenstreik

Chaos mit beschränkter Wirkung

Von Matthias Kaufmann

Die Piloten der Vereinigung Cockpit bestreiken seit heute die Lufthansa, doch ihr Drohpotenzial ist begrenzt. Zwar stehen der Airline horrende Ausfälle ins Haus. Doch die volkswirtschaftlichen Folgeschäden dürften sich in Grenzen halten.

Hamburg - Das gibt es selten: Ende vergangener Woche mischte sich Werner Schnappauf, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie, öffentlich in eine Streiksache ein: "Der Streik der Lufthansa-Piloten kommt zur Unzeit", sagte er, wohl wissend, dass solch ein Konflikt ausschließlich Sache der Tarifparteien ist. Jeder Zwischenruf von interessierter Seite wird misstrauisch beäugt.

Lufthansa Cargo: "90 Prozent der Operationen" werden aufrechterhalten
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DPA

Lufthansa Cargo: "90 Prozent der Operationen" werden aufrechterhalten

Pflichtschuldig betonte Schnappauf, dass er die Tarifautonomie sehr wohl respektiere, fuhr aber fort: "Ein Streik hätte eine überragende Tragweite, denn der Luftverkehr würde über viele Tage in Mitleidenschaft gezogen und träfe so das zarte Pflänzchen der wirtschaftlichen Stabilisierung nach der Krise." Kurz: Ein zu großer volkswirtschaftlicher Schaden für die Interessen einer kleinen Beschäftigtengruppe.

Die deutsche Industrie befürchtet im Fall eines Streiks bei der Lufthansa einen enormen Schaden für die deutschen Exporte. Ein Streik sei in der derzeit "wirtschaftlich sensiblen Phase" bitter, sagte der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Peter Keitel, der "Bild am Sonntag". Gerade jetzt seien die wieder erstarkenden Unternehmen auf eine funktionierende Infrastruktur angewiesen. "Für einen Streik würde die gesamte Exportnation Deutschland einen hohen Preis zahlen müssen", sagte Keitel der Zeitung.

Aber wie hoch ist der Preis wirklich? Unbestritten ist: Bei der Lufthansa selbst werden die Verluste horrend sein. Lufthansa-Vizechef Christoph Franz bezifferte die Ausfälle für seinen Konzern mit 25 Millionen Euro pro Tag. Sollte es bei vier Streiktagen bleiben, kommen 100 Millionen Euro zusammen.

Darin sind nicht nur Geschäftsausfälle eingerechnet, sondern auch die zahlreichen Folgekosten. So haben Flugreisende das Recht, auf andere Flüge umgebucht zu werden. Sollte das nicht möglich sein, können sie ihre Tickets kostenfrei stornieren oder in Gutscheine für die Deutsche Bahn umwandeln. Allein das wird schon teuer. Es wird damit gerechnet, dass bei der Mutterairline zwei von drei Flügen ausfallen.

Welche Kosten dagegen anderen Unternehmen oder Privatleuten entstehen, die die Lufthansa nutzen, lässt sich unmöglich seriös vorhersagen, heißt es übereinstimmend beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und bei der Hans-Böckler-Stiftung. Wer sich gut vorbereitet und bereits Ersatzflüge gebucht hat, kann die Belastungen in engen Grenzen halten, die Umbuchung zahlt Lufthansa. Trotzdem muss mit Behinderungen und Verspätungen auf den Flughäfen gerechnet werden. Nur lässt sich eben schlecht beziffern, welchen Verlust ein zu spät eintreffender Geschäftsreisender bedeutet.

Auch der BDI erklärt auf Nachfrage: "Wir haben keine exakten Daten zu den Auswirkungen eines Streiks, wir befürchten aber große Auswirkungen. Schließlich gehen 40 Prozent des Wertes unserer Exporte über den Luftverkehr raus", sagte ein Sprecher.

Das ist ein gewichtiges Argument, denn wenn Logistikketten aufgrund bestreikter Lufthansa-Cargo-Flüge aufgebrochen werden, wenn etwa Bauteile nicht just in time am Bestimmungsort sind, dann können leicht Millionenschäden zusammenkommen.

Lufthansa Cargo mit all ihren Tochtergesellschaften hat einen Anteil am weltweiten Luftfrachtverkehr von 10 Prozent. Aber was bedeutet das für die deutsche Luftfracht? An den avisierten Streiktagen galt es für das Unternehmen im Vorfeld des Streiks, 40 Flüge neu zu organisieren. Laut Firmensprecher Nils Haupt ist das weitgehend gelungen: "90 Prozent unserer Frachtoperationen können wir aufrechterhalten", sagt er gegenüber manager magazin. Dabei kommen zum einen Managementpiloten zum Einsatz, die nicht streiken. Gut zwei Drittel der Flüge werden allerdings Services anderer Airlines sein, die Lufthansa Cargo samt Pilot und Maschine chartert. Die Kosten treffen abermals die Bilanz des Kranichkonzerns.

Die größten Schäden im Land dürften also in Unsicherheit, Warterei und Umständen bestehen - schlimm genug. Ein schwacher Trost in dem zu erwartenden Chaos gibt dabei die alte Lehrbuchweisheit der Volkswirtschaftslehre, dass der Verlust des einen immer der Gewinn des anderen ist. Zumindest in den Fällen, wo Reisende noch schnell genug reagieren können, macht eben ein anderer das Geschäft: Ryanair wirbt bereits mit dem Lufthansa-Streik für die eigenen Angebote, Europcar stockt die Autokontingente an Flughäfen auf.

Nur: Davon hat die Lufthansa nichts.


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