Von Friedhelm Hengsbach
Der Jesuit Friedhelm Hengsbach (71) hat Philosophie, Theologie und Wirtschaftswissenschaften studiert. Er war langjähriger Leiter des Oswald-von-Nell-Breuning-Instituts in Frankfurt am Main und lehrt Sozial- und Wirtschaftsethik. Hengsbach hat sich profiliert als einer, der wirtschaftlichen Sachverstand mit der katholischen Soziallehre verbindet, etwa in seinem Buch "Das Reformspektakel".
Bemerkenswerte Ecksteine dazu sind jetzt von den nationalen Staatslenkern zusammengetragen worden:
Damit ist die Liste der Reparaturen, mit deren Hilfe die Schäden der Finanzkrise aufgefangen werden, bereits beendet. Vermutlich sollte der IWF ebenfalls dieser Liste zugehören.
Aber eine solche Zuordnung finde ich problematisch, weil er mit einem gigantischen Kreditpotenzial aufgebläht worden ist, das die Funktion eines flächendeckenden Konjunkturprogramms für den weltwirtschaftlichen Süden erfüllen soll. Folglich wird er mit einer beispiellosen Geldschwemme arme Entwicklungsländer und Schwellenländer überfluten, damit sie den Kampf gegen die Armut bestehen. Mexiko hat sich bereits für einen solchen Kredit angemeldet.
Die Aufwertung des IWF wirkt paradox, zumal er in der Vergangenheit den engen Schulterschluss zur Wall Street und zum US-Finanzministerium gepflegt, Schuldnerländer mit marktradikalen Auflagen drangsaliert und sich bei der Bewältigung der Asien-Krise nicht bewährt hat.
Grundlegende Renovierungsarbeiten haben die G20 nicht angepackt. Die realwirtschaftlichen und monetären Spannungen zwischen den peripheren und zentralen Ländern der Euro- oder der Dollar-Zone sind weder durch eine Anpassung von Wechselkursen noch durch Finanztransfers aufgelöst worden, ebenso wenig die globalen Ungleichgewichte zwischen den Ländern mit strukturellen Leistungsbilanzüberschüssen und -defiziten. Das Entstehen eines multilateralen Währungsregimes war nicht im Blick, Chinas Forderung nach einer anderen Leitwährung fand keine Resonanz. Auch die prozyklisch wirkende Zeitwertbilanzierung der Finanzunternehmen wurde nicht infrage gestellt.
Ein politischer Neustart hätte anders ausgesehen
Ein politischer Neustart jenseits des Finanzkapitalismus, der das monetäre und realwirtschaftliche Desaster verursacht hat, hätte anders ausgesehen. Da die Bundeskanzlerin wiederholt davon spricht, dass die Krise auch eine Chance sei, wäre es angebracht, neben dem Referenzjahr der Krise 1931, Referenzjahre ergriffener Chancen in den Blick zu nehmen, nämlich 1944, als das Bretton-Woods-Währungssystem entstand, oder 1948, da die neue Währung der D-Mark eingeführt wurde, oder 1989, da der Traum einer Versöhnung von Kapitalismus und Demokratie eine friedliche Revolution auslöste, die den Deutschen die Einigung brachte. Die Befreiung vom destruktiven Finanzkapitalismus würde Reformen auslösen, die folgendes Profil hätten:
Die zügellosen subjektiven Erwartungen einer Minderheit, die allein von ihren Vermögenserträgen leben kann, auf steigende Vermögenspreise sowie die unbegrenzte Kreditschöpfungsmacht des Bankensystems haben eine spekulative Blase ausgelöst, die sich mehr und mehr vom realwirtschaftlichen Produktionspotenzial abgelöst hat. Auf diese reale Grundlage muss sie wieder zurückgedrängt werden. Aber die Rettungspakete, die geschnürt werden, sind eine Einladung an die Banken, schon bald jene Kreditschwemme zu wiederholen. Folglich müsste die Vergabe von Krediten gespalten werden, je nachdem ob sie für spekulative Finanzanlagen oder für reale Investitionen verwendet werden.
Die Rückkehr zu einem kooperativen, demokratiefähigen Kapitalismus wäre ein echter Neustart, wie ihn beispielsweise das Ahlener Programm der CDU der britischen Besatzungszone 1948 skizziert hat. Er wäre auch die notwendige Korrektur an einem Kapitalismus, der sich zwar nach dem Fall der Mauer als die einzige siegreiche Wirtschaftsform darstellt, aber nach dem Urteil des polnischen Papstes Woytila wegen seiner menschlichen Defizite den Transformations- und Entwicklungsländern nicht empfohlen werden kann.
Die Stellgröße eines Neustarts jenseits des Finanzkapitalismus ist die Option für ein makroökonomisches, politisches Regime - eine aktive Beschäftigungspolitik, eine beschäftigungsorientierte Geldpolitik, eine produktivitätsbezogene Einkommens- und Lohnpolitik sowie eine Finanzpolitik, die alle Einkommensbezieher und Vermögenseigentümer nach der Leistungsfähigkeit besteuert. Indem die Schranken gegen eine Vermarktung der Arbeit, nämlich das individuelle Arbeitsrecht und die Tarifautonomie gefestigt werden, lässt sich eine ausgewogene, tendenziell gleichmäßige Verteilung der wirtschaftlichen Wertschöpfung erzielen und die gesellschaftliche Kohäsion wiederherstellen.
Nicht die bloße Reparatur von Krisenschäden, sondern ein Neustart jenseits des Finanzkapitalismus scheint mir die angemessene Antwort auf die dreifache monetäre, soziale und ökologische Krise zu sein.
Gründe für die Finanzkrise: Friedhelm Hengsbach im Interview
© manager magazin Online 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH