Von Lutz Reiche
Hamburg - Carsten Maschmeyer (49) hat schon so manchen Job in seinem filmreifen Leben gemacht. Als Jugendlicher klebt er Plakate oder schindet sich für 200 Mark pro Rennen als Tempomacher für Hochleistungsläufer, wie er einer Illustrierten erzählt hat. Doch die Rolle des Zuarbeiters und Wasserträgers für den Erfolg der anderen ist nicht sein Ding. Der uneheliche Sohn einer Sekretärin, der in bescheidenen Verhältnissen aufwächst, ist ehrgeizig, will den Erfolg und Wohlstand auch für sich. Beides hat er längst erreicht. Der AWD-Gründer und wohl schillerndste Vertreter des deutschen Finanzvertriebes könnte sich zur Ruhe setzen - irgendwo, mit seiner neuen Lebensgefährtin und Schauspielerin Veronica Ferres. Doch jetzt, so scheint es, startet er noch einmal durch.
Neue Wege: Privat hat Maschmeyer sein Leben neu geordnet. Seit gut einem Monat ist er nach 20 Jahren Ehe geschieden worden und zeigt sich seit geraumer Zeit mit seiner neuen Freundin, der Schauspielerin Veronica Ferres. Auch beruflich vollzieht er einen Schnitt. Der AWD-Gründer und Vorstandschef des Finanzvertriebes wird in den Verwaltungsrat der Konzernmutter Swiss Life einziehen.
Rückblick: Bereits im Frühjahr 2005 beginnt Maschmeyer, sich von AWD-Anteilen zu trennen und baut sie in den Folgejahren weiter sukzessive ab. Größter Abnehmer ist der Schweizer Finanzdienstleister Swiss Life. In 2008 hat er sein Lebenswerk nahezu komplett verkauft. Im August halten die Schweizer bereits 97 Prozent an AWD. Maschmeyer bleibt Chef des Finanzvertriebs, denn Swiss Life ist klar: Ohne den begnadeten Verkäufer und Motivationskünstler läuft nichts.
Der AWD-Übervater lässt sich nicht dirigieren
Behutsam wollen die Eidgenossen den Finanzvertrieb von ihrem Übervater trennen. Doch der schmiedet andere Pläne, agiert in Hannover, als ob es keinen Großaktionär gebe. Ein ums andere Mal reizt er die Züricher mit unabgesprochenen Aktionen. Die setzen ihm mit Manfred Behrens als gleichberechtigten Co-CEO einen Wachhund an die Seite, der ihn bremsen und auch seine sich selbst inszenierenden, öffentlichkeitswirksamen Auftritte eindämmen soll. Denn die passen nun gar nicht so recht in das Bild eines konservativ-verschwiegenen und international agierenden Schweizer Finanzkonzerns.
Maschmeyer lässt sich davon nicht beeindrucken, macht mehr oder weniger weiter wie bisher und baut sogar seine Beteiligung an dem Schweizer Versicherer auf zuletzt 8 Prozent aus. Seinen Traum, irgendwann den weltgrößten Finanzvertrieb zu formen, hat er noch längst nicht ad acta gelegt. Im Gegenteil: Der Konflikt eskaliert, als Maschmeyer heimlich am Markt gut ein Viertel des MLP-Kapitals zusammenkauft und die Swiss Life erfolgreich dazu drängt, ihm die Papiere für 300 Millionen Euro abzunehmen.
In Wiesloch ist man keineswegs darüber amüsiert, fürchtet um den Ruf als unabhängiger Finanzdienstleister und begreift die Aktion als feindlichen Übernahmeversuch. Kurzerhand kippt der MLP-Vorstand die Produktpartnerschaft mit Swiss Life und findet in der Allianz, der Axa sowie britischen HBOS Verbündete für eine Kapitalerhöhung. Der Anteil der Schweizer sinkt damit unter die Sperrminorität von 25 Prozent. Die Opposition innerhalb des Konzerns gegen das teure MLP-Abenteuer wächst, die Swiss Life gerät ins Schlingern, die Finanzkrise greift die Kapitaldecke des Konzerns zusätzlich an, die Aktie schmiert gnadenlos ab. Angesichts einer auf rund 1,47 Milliarden Euro zusammengeschmolzenen Marktkapitalisierung gelten die Schweizer mittlerweile selbst als Übernahmekandidat.
Und in dieser Situation will die Swiss Life nun mit Maschmeyer einen Mann in ihren Verwaltungsrat bestellen, der nicht ganz unschuldig an der misslichen Lage des Versicherers ist, dessen hemdsärmliges und mitunter nassforsches Auftreten ganz und gar nicht dem Schweizer Selbstverständnis entspricht. In den Augen so mancher Beobachter ist der "Clash der Kulturen" bereits vorprogrammiert. Um so mehr stellt sich die Frage nach dem Warum und wer hier überhaupt die treibende Kraft ist.
Maschmeyer wird im Verwaltungsrat nicht so schalten und walten können, wie er möchte. Doch im Gegensatz zum deutschen Aufsichtsrat mischt sich der schweizerische Verwaltungsrat sehr viel stärker in das operative Geschäft eines Unternehmens ein. "Sicher, er muss sich abstimmen. Aber jetzt kontrolliert er und kann von Zürich aus den Kurs der Swiss Life Deutschland und des AWD mitbestimmen", sagt der Beobachter.
"Maschmeyer in Zürich langsam austrocknen lassen"
Ein anderer Branchenkenner sieht die treibende Kraft auf Seiten von Swiss Life. "In Hannover hat man Maschmeyer nicht in den Griff bekommen. Jetzt holt man ihn nach Zürich. Im Verwaltungsrat ist er von Schweizern umgeben, die nicht gut auf ihn zu sprechen sind. Er ist nicht Vorsitzender, er muss sich abstimmen, wenn er etwas erreichen will. Man wird versuchen, ihn auf diese Weise besser unter Kontrolle zu bekommen und dann langsam austrocknen lassen", sagt der Branchenkenner.
"Der ist nicht zum Frühstücksdirektor geboren"
Noch ist unklar, welche Funktion Maschmeyer in dem Rat wahrnehmen wird. Dem Vernehmen nach soll er sich um die strategische Weiterentwicklung und Internationalisierung des Konzerns kümmern. Dass sich der charismatische Selfmademan auf diese Weise ruhigstellen oder gar neutralisieren lässt, glaubt ein Insider aber nicht. "Der lässt sich nicht aufs Abstellgleis schieben. Der ist nicht zum Frühstücksdirektor geboren, dafür kenne ich ihn zu gut. Maschmeyer wird aktiv eingreifen. Er wird in Zürich richtig Gas geben und kräftig für Unruhe in der Runde sorgen", ist der Insider überzeugt. Selbiger schließt auch nicht aus, dass Maschmeyer mittelfristig die Führung in dem Verwaltungsrat anstrebt: "Der Mann hat einen enormen Ehrgeiz, kann Menschen beeinflussen und will was bewegen."
"Der Machtkampf geht weiter, jetzt aber auf einer höheren Ebene", sagt ein anderer Insider voraus. In der Branche vermutet man deshalb auch, dass der vermögende Hannoveraner seinen Anteil an der Swiss Life weiter aufstocken wird. Der Kurs steht günstig, das Geld dafür hat Maschmeyer. Und die 10-Prozent-Hürde, die aufgrund bestimmter Schweizer Regelungen bislang als unüberwindbar galt, sehen Schweizer Finanzexperten mittlerweile nicht mehr als das Bollwerk, das auf Dauer Bestand haben dürfte.
Die hannoversche Talanx-Gruppe soll bereits Interesse an einem Einstieg bei der Swiss Life bekundet haben, strebt Insidern zufolge aber nicht mehr als 10 Prozent an dem Schweizer Versicherer an. Auch über einen Einstieg des Schweizer Mitbewerbers Zurich wird bereits seit geraumer Zeit spekuliert. Dem geben Branchenkenner wegen scheinbar unüberwindbarer Differenzen allerdings wenig Chancen. Maschmeyer, dessen Machtposition Beobachter mit seinem Einzug in den Verwaltungsrat eher als gefestigt ansehen, könnte demnach vergleichsweise ungestört aufstocken und seinen Einfluss auf die Swiss Life weiter ausbauen. Gut möglich ist auch, dass er dann von Zürich aus weiter an seinem Ziel des weltgrößten Finanzdienstleisters arbeitet.
Doch schon jetzt dürfte Maschmeyer in den Augen so mancher Insider ein Ziel erreicht haben, das ihm womöglich noch viel wichtiger ist: "Mit der Swiss Life kommt er endlich weg von dem Schmuddelimage des Strukturvertriebs. In Zukunft muss er keine Vertreter mehr bei einer Kiste Schampus zu mehr Leistung anheizen. Schweiz, Verwaltungsrat, Seriosität, Anerkennung - das passt, das hat ihm immer gefehlt."
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