Von Wolfgang Kaden
Von Eugen Schmalenbach, dem Urahn der Betriebswirtschaftslehre. stammt der Spruch: "Auf Schulden reitet das Genie zum Erfolg". Ein schöner Satz, der gerade in diesen wirren Zeiten Trost spenden könnte. Wenn da nicht ein kleiner Schönheitsfehler wäre: Es gibt leider zu wenig Genies.
Die Marktwirtschaft wird derzeit endgültig zur Schuldenwirtschaft deformiert. Nach der privaten Schuldenorgie nun die staatliche. Das soll das Rezept sein, mit dem wir aus dem Crash einigermaßen heil rauskommen und in eine bessere, eine halbwegs sichere Zukunft marschieren. Man muss nicht unbedingt Wirtschaftswissenschaften studiert haben, um von Zweifeln an der Sinnhaftigkeit dieser Form des Wirtschaftens heimgesucht zu werden.
John Maynard Keynes, dessen Lehren für viele nur noch wissenschaftshistorischen Wert besaßen, erlebt in diesen Tagen ein strahlendes Comeback. Dass ein Gemeinwesen wie das deutsche just in den Siebzigern, als Ankurbelungsprogramme à la Keynes das konjunkturelle Auf und Ab überwinden sollten, in den Schulden zu versinken begann; dass es nie gelang, nach Phasen konjunkturell veranlasster Ausgabenorgien auf Sparsamkeit umzuschalten, um die Schulden schnellstmöglich wieder abzutragen – alles vergessen. Es wird nach der bewährten Devise gehandelt, dass nicht sein kann, was nicht sein darf: Die Schuldenkrise soll durch neue Schulden zugeschüttet werden.
" Man verliert das Gefühl für Summen, wenn man in diesem Beruf arbeitet", hatte Jérôme Kerviel vor der Staatsanwaltschaft ausgesagt, jener Pariser Jungbanker, der bei der französischen Société Générale knapp fünf Milliarden Euro verspielt hatte. Inzwischen scheint es, als habe die gesamte zivilisierte Welt das Gefühl für Summen verloren.
Wissen wir eigentlich noch, wie viel eine Milliarde ist, egal ob in Dollar, Euro oder Yen? Erst meldete der von Washington gerettete Versicherungskonzern AIG einen Bedarf von 85 Milliarden Dollar an, die der Staat garantieren sollte. Inzwischen sind es 150 Milliarden. Die Citigroup wird gerade mit 300 Milliarden aufgefangen. Es kommt ja nicht mehr drauf an. Die Bush-Regierung legte ein 700-Milliarden-Programm auf, für Kapitalbeteiligungen an Banken und für Bürgschaften; inzwischen werden Zweifel laut, ob das reichen wird. Präsident Obama will noch einmal ein 700 Milliarden teures Konjunkturprogramm obendrauf packen.
Die deutsche Regierung wollte da auch nicht kleinlich sein und brachte ein 480-Milliarden-Euro-Programm innert einer Woche durch das Parlament. Der gesamte Bundeshaushalt 2008 ist gerade mal 283 Milliarden Euro groß. Das Konjunkturprogramm mit dem Einsatz von 12 Milliarden und einer erhofften Anstoßwirkung von 50 wird von vielen als zu bescheiden kritisiert. Alles Summen, die nicht nur das Vorstellungsvermögen biederer Bürger sprengen.
Wolfgang Kaden war von 1994 bis 2003 Chefredakteur des manager magazins. 2002 wurde er mit dem Ludwig-Erhard-Preis für Wirtschaftspublizistik ausgezeichnet.
Und wahrscheinlich erzwingt auch der dramatisch schnelle Niedergang in der Realwirtschaft, dass die Staaten als Nachfrager der letzten Instanz auftreten; dass sie Konsumenten und Produzenten mit Ankurbelungsprogrammen aus ihrer Schockstarre befreien. Eine andere Lösung, um dieses Megadesaster zu überwinden, haben wir derzeit nicht. Was, nebenbei, viel über den Forschungsfortschritt in der Wirtschaftswissenschaft während der vergangenen Jahrzehnte aussagt.
Aber es sollte schon, wenn denn die Schuldenmachererei unvermeidlich erscheint, deutlich werden, was hier geschieht: Die Party soll so schnell wie irgend möglich weitergehen, angeheizt mit der Allerweltsdroge neuer Schulden in nie dagewesener Dimension.
Zeit zum Innehalten, zur Besinnung können sich Regierende und Regierte offenkundig nicht nehmen. Verweilen auf dem nie zuvor erreichten Wohlstandsniveau oder vielleicht sogar ein, zwei Prozent darunter – ein Zustand, der mit dem Horrorwort "Rezession" versehen ist - darf nicht sein. "Grow or perish", sagen die Amerikaner, wachse oder vergehe. Der Ritt auf dem Tiger namens Wachstum muss weitergehen, wo und wie immer er auch endet.
Doch Besinnung tät schon Not. Es waren ja nicht nur die Kredite an arme amerikanische Hauskäufer, nicht nur unverantwortliche, geldgierige Investmentbanker, die uns dahin gebracht haben, wo wir heute stehen. Nennen wir nur mal die Private-Equity-Artisten, die mit ein bisschen Eigen- und ganz viel Fremdkapital ein Unternehmen nach dem anderen aufkauften, und die gar nicht so selten diese Firmen gleich mit einem Haufen Schulden voll pumpten, um sich den Kaufpreis gleich wieder zurückzahlen zu lassen.
Oder jene Hedgefonds-Trickser, die über immer längere Schuldenhebel ihre Geschäfte mit Aktien, Öl oder Weizen betrieben und auf diesen Märkten für verrückte Kursbewegungen sorgten und sorgen.
Aber hier geht es nicht nur um verantwortungslose Banker und Fondsspezialisten. Das wäre zu schön und zu einfach. Selbstprüfung ist angesagt für uns alle, für alle Gesellschaften, zumindest die in den Wohlstandsgefilden des Westens und des Fernen Ostens. Es sind Grundhaltungen, in Amerika, in Europa, in Asien, die uns dahin gebracht haben, wo wir heute stehen. Jene Mentalität, die Wohlstand für unendlich vermehrbar hält, die das Wirtschaftswachstum zur einzigen Meßlatte für den Erfolg verklärt. Auch wenn der nur durch Schulden möglich wurde, auf Kosten der Zukunft.
Allen voran, unvermeidlich, die USA, die mit einem dreifachen Defizit – Bundeshaushalt, Leistungsbilanz und überschuldete Privathaushalte – seit Jahren weit über ihre Verhältnisse gelebt haben, gefüttert vor allem durch ausländische Kreditgeber. Sie haben der übrigen industrialisierten Welt vorgemacht, wie schöne Wachstumsraten mit gepumptem Geld fabriziert werden. Und nicht wenige bei uns haben neidisch über den Ozean geguckt, vor allem solche aus dem Manager-Establishment, und versucht, es den Amerikanern nachzumachen.
Das ist uns, glücklicherweise nicht ganz gelungen. Aber manche der Probleme, die sich nun vor unserem Land auftürmen, sind durchaus nicht nur Folgen amerikanischer Hypothekenverbriefungen, sondern hausgefertigt. "Maß und Mitte", die Bundespräsident Horst Köhler in jeder Rede zu den Finanzmärkten derzeit einfordert, waren vielerorts auch in der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft verloren gegangen.
Wie anders sollte man Lohnforderungen von 8 Prozent (Verdi) im Sommer oder gar 10 Prozent noch in diesem Herbst (Eisenbahnergewerkschaft Transnet) einsortieren. Wie anders all jene Topmanager, die sich seit Jahren ihre Bezüge mit zweistelligen Zuwächsen erhöhen und selbst jetzt noch nicht zu akzeptablen Größenordnungen zurückkehren: Siemens-Chef Peter Löscher wird für das gerade abgelaufenen Geschäftsjahr mit rund zehn Millionen Euro belohnt.
Oder nehmen wir die Autoindustrie, die sich jetzt gern als Opfer der Finanzmarktkatastrophe präsentiert und die sich nicht geniert, staatliche Hilfe einzufordern. Die Strategen dieses bedeutendsten deutschen Industriezweigs haben sich bis vor kurzem darauf verlassen, dass die Verkäufe auch in Zukunft so wunderschön zunehmen würden wie in den vergangenen Jahren – und entsprechend immer noch neue Fabriken gebaut und Montagebänder angelegt.
VW gab das Ziel aus, bis 2018 doppelt so viel Autos wie heute zu verkaufen. Bei BMW hat sich der Absatz seit 1999 verdoppelt. Nicht zuletzt dank günstiger Leasing- und Kreditverträge, also dank der Schuldenwirtschaft. Derzeit wird fast jeder zweite BMW auf diesem Weg losgeschlagen. Und so sollte es weitergehen.
Geht es aber nicht. Denn wenn wir aktuell eine systemische Krise erleben, um einen derzeit gern verwendeten Begriff zu strapazieren, dann nicht nur eine der Geldbranche. Sondern auch eine Krise der Gesellschaft: einer Gesellschaft, die blind dem Wachstumsglauben, dem Beschleunigungs- und Machbarkeitswahn verfallen ist.
Es war nicht die Marktwirtschaft, die versagt hat. Die macht Fehler und kann immer wieder verbessert werden, wie es seit Adam Smith geschieht. Aber sie ist ohne Alternative, mit ihrer Fähigkeit, Nachfrage und Angebot auszugleichen, für grandiose Innovationen zu sorgen, Massenwohlstand zu schaffen.
Es waren Schuldenexzesse, es war Maßlosigkeit, die uns dahin gebracht haben, wo wir an diesem düsteren Jahresausgang stehen. Wenn die private Schuldenwirtschaft nun staatlicherseits mit neuen Pumprekorden fortgesetzt wird, um Schlimmeres zu verhindern, dann muss, wenn diese Krise eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages ausgestanden ist, schnellstmöglich der Hebel wieder umgelegt werden, dann muss Zahltag sein.
Konkret: Der Staat muss Ausgaben kürzen; den Schuldenberg abtragen, anders als in den letzten Jahrzehnten, als immer neue Schulden dazu kamen. Die Notenbanken müssen dann umgehend die Zinssätze wieder nach oben schleusen, müssen anders agieren als die US-Notenbank, die nach dem Internet-Crash und 9/11 die Märkte viel zu lang mit billigem Geld überschwemmte.
Weniger konkret, aber nicht minder bedeutsam: Ablassen von Wachstumszielen, die mit solider Finanzierung nicht zu erreichen sind; Tempo rausnehmen aus dem globalen Wirtschaftsrad, das sich immer schneller dreht; nachhaltig wirtschaften lernen; oder, altmodisch formuliert, in den Worten Ludwig Erhards, Maß halten.
Die Aussichten, dass die Krise als Chance genutzt wird, sind nicht besonders groß. Doch wenn nicht umgedacht wird, dann ist der nächste Crash auch schon nicht mehr weit. Und dann?
Mit Schulden, um Eugen Schmalenbach noch mal zu bemühen, reiten eben nur geniale Individuen zum Erfolg. Nicht ganze Volkswirtschaften und Gesellschaften.
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