Von Henrik Müller
Kürzlich war ich mal wieder in den USA unterwegs. Das Ergebnis lesen Sie im aktuellen manager magazin: Ich begab mich auf die Suche nach der Zukunft Amerikas. Wovon wird Amerika künftig leben? Wie kann das neue Geschäftsmodell der immer noch wichtigsten Volkswirtschaft der Welt aussehen?
Aber diese Gegenden sind ein wichtiger Teil der USA. Sie sind wirtschaftlich relevant, teils bevölkerungsreich, teils rohstoffreich. Auch Präsidentschaftswahlen entscheiden sich im Landesinneren, nicht an den Küsten.
Zwei Beobachtungen möchte ich zur Diskussion stellen:
Erstens: Dies ist der schwärzeste Zeitpunkt Amerikas seit Generationen. Die Morde an den Kennedys und an Martin Luther King, Vietnam, Watergate, das Platzen der Dotcom-Blase und der 11. September 2001 – all das waren Schocks für die Nation. Aber es waren Ereignisse, die das Leben des Einzelnen nicht nachhaltig veränderten (außer man wurde nach Vietnam eingezogen).
Was die USA momentan durchmachen, ist etwas ganz anderes: Es ist eine allgemeine Krise des nationalen Selbstvertrauens. Die Mehrheit der Amerikaner muss am täglichen Bedarf sparen; an Essen, Fahren, Wohnen, Reisen. Für viele wird es wirklich eng. Die Lage ist schlecht und die Stimmung überwiegend pessimistisch.
Anders als frühere Krisen, die eher virtuelle Ereignisse waren, ist die derzeitige Situation sehr real: Sie schlägt sich im Leben jedes einzelnen nieder. Am ehesten ist sie vergleichbar mit der Großen Depression zwischen 1929 und 1939, die bis heute ein nationales Trauma darstellt.
Auch jetzt stehen die USA wieder an einem solchen Punkt: Gewohnheiten müssen sich ändern, Erwartungen nach unten korrigiert werden, eine lange Durststrecke ins Auge gefasst werden. Diese Jahre werden sich ähnlich stark ins Bewusstsein der Nation einbrennen wie die Depressionsjahre.
Zweitens: Trotz der trüben Lage und der düsteren Stimmung, habe ich in den USA bemerkenswert viele Menschen getroffen, die eine hellere Zukunft vorhersehen. Und die sich mit ihrer ganzen Energie dafür einsetzen.
Das gilt für jeden einzelnen: Umziehen, einen neuen Job anfangen, neue Freunde suchen - das ist die normale Härte des Lebens, die man bereit ist, auf sich zu nehmen.
Das gilt für die Gesellschaft als ganze: Amerikaner können sich vorbehaltlos für Neues begeistern - für neue Ideen, neue Technologien, neue Personen. Daher die Begeisterung für Barack Obama, der als Figur eine echte Innovation auf dem Markt der politischen Ökonomie ist, auch wenn sein politisches Programm bislang nicht so wahnsinnig innovativ daher kommt.
Man kommt nicht umhin, die derzeitige Lage der US-Wirtschaft mit der Situation in Deutschland zwischen 1993 und 2005 zu vergleichen: zwei Volkswirtschaften in einer tiefen Strukturkrise. Beides Gesellschaften, deren finanzielle Bedingungen sich verschlechterten, während andere Länder prosperierten.
Beides Nationen mit angebrochener Identität: Deutschland litt - und leidet noch - an der unglücklich vollzogenen Wiedervereinigung zweier sich fremder Gesellschaften und an der Krise des für das westdeutsche Selbstverständnis so wichtigen Sozialstaats.
Die USA beklagen den Verrat amerikanischer Werte durch Guantanamo und die Regierungslügen, die zum Irak-Krieg führten, und die Krise bringt viele Bürger vom gewohnt opulenten American Way of Life ab.
Zeit für eine Katharsis, für die große Reinigung - für eine Renaissance.
Ich glaube, Amerika wird diese Wiedergeburt leichter und schneller gelingen als Deutschland. Hinweise, Argumente und Fakten dazu lesen Sie, wie gesagt, im aktuellen Heft.
Dennoch: Es gibt keinen quick fix, keine schnelle Lösung. Amerika steht am Beginn eines langen, schwierigen Wegs. Wir werden ihn mit Interesse und mit Sympathie begleiten.
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