Norwegen und Spanien haben sie, Österreich und die Schweiz wollen sie: die Frauenquote in Aufsichtsräten. "Herzlich willkommen im Aufsichtsrat! Sie haben es aufgrund der Quote geschafft." – Ob diese Vorstellung viele Frauen hierzulande reizen würde?
Hier setzt die bundesweite Qualifizierungs- und Zertifizierungsinitiative des TÜV Rheinland und namhafter Unternehmen an, darunter unter anderem der weltgrößte Versicherungskonzern AIG und die Deutsche Bank . Die Resonanz ist dann auch positiv.
Nicht zuletzt die OECD Corporate Governance Principles fordern eine spezifische Qualifizierung wenn auch zunächst nur vom Vorsitzenden des Aufsichtsrates. Wie gut stünde es dann nachweislich qualifizierten Frauen an, als vom TÜV Rheinland zertifizierte Aufsichtsrätinnen der Frauenquote die Argumentationsgrundlage und der Männerwelt die Rechtfertigungsgrundlage zu entziehen?
Die Meldungen der letzten Monate haben hinsichtlich diverser Aufsichtsratsversagen sicherlich dazu beigetragen, dass die Frage nach der Qualität von Aufsichtsräten und der Qualifizierung für Aufsichtsratsaktivitäten nunmehr im Fokus der Berichterstattung steht. Und aktuelle Rechtsprechung und verschärfte gesetzliche Rahmenbedingungen nehmen Aufsichtsräte immer stärker in die Pflicht. Zunehmend müssen sie dabei sogar mit ihrem Privatvermögen haften.
Das gilt selbstverständlich nicht nur für Aufsichtsräte großer kapitalmarktorientierter Gesellschaften, sondern auch für Aufsichtsräte mittelständischer Unternehmen. Gefragt, wenn nicht sogar zu fordern und zu fördern ist die Professionalisierung der Aufsichtsratstätigkeit, gleichermaßen die Schaffung eines Berufsbilds "Berufsaufsichtsrat". Vorstände müssen Aufsichtsräte als Sparring Partner akzeptieren, wollen und können. Abnickgremium war gestern.
Schlusslicht Deutschland
Dass Frauen dabei eine wichtige Rolle spielen sollten, zeigt ein Zahlenvergleich: Aktuell haben die 30 Dax-Gesellschaften knapp 540 Aufsichtsratsmandate zu vergeben. Frauen besetzen davon nur 12 Prozent. Kapitalvertreterseitig werden in Summe lediglich 3 Prozent der Mandate von Frauen wahrgenommen, insgesamt 16 Ämter.
Gerade in den skandinavischen Ländern hat sich der Frauenanteil in Aufsichtsrats- und Vorstandsgremien sehr positiv entwickelt. Das belegen auch die Zahlen des Boardwomen-Monitor: Im Jahr 2006 nahmen Frauen beispielsweise in Norwegen fast 29 Prozent aller Aufsichtsratsposten wahr, in Schweden knapp 23 Prozent. Im europäischen Durchschnitt sind es 8,5 Prozent.
Dass Norwegen so weit in Front liegt, hat aber auch etwas mit den Gesetzen des nordischen Landes zu tun. Börsennotierten Gesellschaften droht in Norwegen sein Januar 2008 die zwangsweise Auflösung, wenn nicht eine Mindestzahl der Aufsichtsratsposten von Frauen bekleidet werden. Widerstand gibt es trotzdem: Findige Manager haben ihr Unternehmen kurzerhand in Gesellschaften mit beschränkter Haftung umgewandelt. Für diese gilt das Gesetz nicht.
Hierzulande sollte der Einstieg als Berufsaufsichtsrätin durchaus auch unterhalb von Dax und Co. interessant sein. Gerade im so genannten Mittelstand sind die Herausforderungen für Mandatsinhaber unter Umständen sogar noch spannender und umfassender als bei den deutschen Unternehmensschwergewichten. Denn Mittelständler müssen viele Dinge selbst entscheiden, für die Großunternehmen zuvor teure externe Gutachter beauftragt hätten. Dort ist also die eigene Meinung gefragt, statt die der Gutachter.
Auch hier sind die Möglichkeiten also noch lange nicht ausgeschöpft.
von Marcus Labbé, www.aufsichtsratsvermittlung.de
© manager magazin Online 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH