Von Klaus Boldt
Hamburg - Von Jürgen Gerdes, der bei der Deutschen Post mit dem Geschäft betraut ist, um das sich seinerzeit die Tauben gekümmert hatten, mit dem Briefverkehr, hört man doch recht wenig. Der jahrhundertealte Gewerbezweig ist, wie es so hässlich heißt: rückläufig. Nur noch Verliebte und Bummelanten, Zwangsvollstrecker und Kalligrafen schreiben Briefe, der Rest verschießt Emails.
Die andere Postsparten zeigen sich zwar munterer. Aber wer will wirklich ein zünftiges Interview zur Frachtsparte lesen oder ein Befindlichkeitsdrama aus dem Leben der Lagerdienstleister? Im kollektiven Unbewussten stehen Post und Brief immer noch für ein und dasselbe. Auch Gerdes fragt des Morgens sich oder die anderen: "Ist die Post schon da?"
So gesehen steht der Mann mit seiner Arbeit zwar im Brennpunkt des postalischen Geschehens. Doch mangels attraktiver Konversationsthemen äußert sich natürlich auch automatisch Hinz und Kunz oder sogar Post-Boss Frank Appel (50) gerne über Gerdes Angelegenheiten. Der selbst wird häufig gar nicht erst gefragt, und wenn er seine Stimme doch einmal erheben darf, dann verhallt sie ungehört.
Auch die Aussicht, im Sommer die Hoheit über die Tarifverhandlungen an die neue Personalvorständin Angela Titzrath (45) zu verlieren, wirkt nicht erheiternd auf Gerdes, der ja aus dem eigenen Nachwuchs kommt, hinterrücks als "unser Postschüler" bezeichnet wird, aber als Kraftwesen gilt, fließend und verschleißfrei McKinseyanisch spricht und gerühmt wird für seine Pünktlichkeit und Ursprünglichkeit.
Darüber hinaus trage der Fan von Schalke 04 einen Marschallstab der Marke "Tower of Power" in der Aktentasche. Aber dies ist nur eine Vermutung. Vertraute jedenfalls berichten, dass Gerdes ihnen gegenüber gerne mit Großaufgaben, auch in benachbarten Branchen, kokettiere, zu denen er sich nicht unberufen fühle. Man kann es vielleicht so sagen: Gerdes ist große Klasse, daran besteht kein Zweifel, aber er hat nicht nur Freunde im Betrieb.
Beratungsbedarf: Fürstner und Tiedje helfen
Derzeit klatscht man im Haus über seinen hohen Beratungsbedarf: Hans-Hermann Tiedje (62), der frühere "Bild"-Chefredakteur, zählt zu seinen freien Mitarbeitern, und zwar für angeblich 35.000 Euro im Monat (Tiedje:"Nonsens!"). Seit Anfang Januar beschäftigt Gerdes sogar einen echten Bundesverdienstkreuzträger: seinen Duzfreund Wolfgang Fürstner (67), bis Ende vergangenen Jahres Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ).
Fürstner bezieht, so erzählt man sich, ein Honorar von rund 10.000 Euro im Monat. Anfang des Jahres hatte sich der frühere Verbandsfunktionär mit seiner Firma PMP in Berlin selbständig gemacht: Er solle für Gerdes, sagt er, "die Kontakte zu Verlagen intensivieren". Was genau er unternehme, werde zu besprechen sein:"Das fängt ja jetzt gerade erst an. Ich bin noch nagelneu in dem Geschäft".
Fürstners Mandatierung sorgt bei Gerdes' Truppe für Unverständnis, da sie, eigener Einschätzung zufolge, bereits über Intensivkontakte zu Verlagen verfüge.
Irritiert zeigt man sich sowohl bei der Post als auch bei den Verlagen, deren Drucksachen von dem Staatsunternehmen vertrieben werden, dass sich Gerdes ausgerechnet einen Berater ausgesucht hat, der bislang immer auf der falschen Seite des Zauns gestanden hatte: Denn Post und Medienwirtschaft verbinden nicht nur enge Geschäftsbeziehungen, sondern auch tiefes Misstrauen und Rivalität.
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