mm: Die Z-Stühle aus der DDR, die in den 70er Jahren populär waren, verkörpern aber bei allem Aufwand in der Gestaltung das Gegenteil: Man kann sie nicht einmal ineinander stapeln.
Eidens: Wir dürfen nicht verkennen, dass sich auch die DDR in einer Konkurrenzsituation befand. Außergewöhnliche Produktgestaltungen entstanden, nachdem gefordert wurde, dass sich DDR-Produkte mit dem Weltniveau zu messen haben. Also schon eine marktwirtschaftliche Entscheidung, allerdings vom Staat aufgesetzt. Da verwundert es nicht, wenn man mit einem Gegenstand wie dem Z-Stuhl den Zeitgeist der Panton-Ära aufgriff.
mm: Sehr eigenständig ist der Ansatz nicht.
Eidens: Daneben war es wichtig, der eigenen Bevölkerung zu signalisieren, dass die DDR auch einen eigenen Stil hatte. Dass sie damit zu einem gewissen Grad erfolgreich war, sehen Sie schon daran, dass viele Objekte von damals heute zu hohen Preisen gehandelt werden. So zum Beispiel die Eierbecher von Hedwig Bollhagen - übrigens Produkte von hoher industrieller Effizienz.
mm: Das Stichwort Design ist heute oft ein Kaufargument für sich. Gibt es einen Design-Hype?
Eidens: Gewissermaßen ja, aber den gibt es schon sehr lange. Man kann in Design immer etwas hineininterpretieren, insofern stehen bestimmte Designs oft als Ausdruck für eine Geisteshaltung.
mm: Kann es sein, dass Designfragen heute viel wichtiger in der öffentlichen Wahrnehmung sind als noch vor 20 Jahren?
Eidens: Das scheint mir eine Frage der persönlichen Wahrnehmung zu sein. Gute industrielle Gestaltung ist spätestens seit den Bauhaus-Jahren ein immer wiederkehrendes Thema. Es ist aber möglich, dass sich die Rolle von Design in der Wirtschaft über die Jahrzehnte gewandelt hat. Die Bedeutung von Design muss man in Vorstandsetagen nicht mehr erläutern. Aber noch immer gehen die Meinungen weit auseinander, wie man das in den unternehmerischen Prozessen berücksichtigt. Die Vorstellung von der hübschen Verpackung, die ganz zum Schluss hinzukommt, ist noch immer weit verbreitet.
mm: Welchen Wandel beobachten Sie?
Eidens: Ganz entscheidende Umbrüche brachten die späten 60er und die 70er Jahre, als der Funktionalismus der Bauhaus-Schule in Frage gestellt wurde. Design wurde wieder bunt und deutlich verspielter. Die Rolle von Emotionen wurde betont. So brachte Olivetti etwa eine knallrote Reiseschreibmaschine heraus, die "Valentine" hieß. Das klang fast schon lyrisch und das Schreibgerät sah im Tragekoffer so schick aus wie eine edle Handtasche.
mm: Und das bedeutete für die ökonomische Seite ?
Eidens: Der Erfolg war durchschlagend. Die Rückschlüsse aus solchen Entwicklungen prägen gute Gestaltung bis heute. Kommerziell erfolgreich ist ein Produkt oder eine Marke dann, wenn eine Art von Persönlichkeit erkennbar wird. Dabei darf aber die Funktion nicht vernachlässigt werden. Die "Valentine" war eine sehr praktische Schreibmaschine, der iMac der frühen 70er Jahre, wenn man so will.
mm: Wo sind die Grenzen einer solchen Entwicklung?
Eidens: Überall da, wo man zur Übertreibung neigt und Design zum Selbstzweck wird. Die Zitronenpresse, die Philippe Starck in 80er Jahren gezeigt hat, wurde zum edlen Designgegenstand hochgejubelt, ist aber in der Küche völlig unbrauchbar. Das Objekt wurde zwar berühmt, hat aber auch ein wenig Schuld am Image der Designbranche als entbehrlich und nett, als "nice to have".
mm: Die Zitronenpresse steht in etlichen Museen. Das ist doch auch nicht schlecht.
Eidens: Starcks Zitronenpresse ist ein interessantes Experiment der formalen Übertreibung und ein gelungener PR-Coup. Aber mit Design hat sie nichts zu tun. Ich bin Starck aber nicht böse, ist er doch ein genialer Gestalter mit vielen guten Ideen. Er hält mit seinem provokanten Auftreten die Diskussion in Gang.
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