Arbeitgeberin Ostermann findet das weltfremd. Als Vorsitzende des Bundes junger Unternehmer macht sie sich beim Wirtschaftsministerium für andere Regelungen stark: "Wir fordern eine Absenkung der Gehaltsgrenze von 66.000 auf 40.000 Euro und ein Punktesystem für Zuwanderer wie in Kanada oder Großbritannien."
Große Arbeitgeber kämpfen ebenfalls mit diesen Widrigkeiten der deutschen Migrationspolitik. Aber sie verfügen nicht nur über Spezialisten, die sich darum kümmern können. "Internationale Konzerne haben auch durch ihre ausländischen Töchter mehr Möglichkeiten, die deutsche Zuwanderungsbürokratie zu umgehen", weiß Oliver Koppel vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln.
Wenn beispielsweise eine Handvoll Stellen in München für ein paar Jahre besetzt werden muss, für die sich Bewerber bei der Tochtergesellschaft in Neu-Delhi finden, dann kann kurzerhand eine ganze Abteilung von dort nach München verlegt werden. Das sei, zumindest bei zeitlicher Begrenzung, den deutschen Behörden leichter zu vermitteln als eine Neubesetzung mit ausländischem Personal. Ähnliche Effekte hätten Traineeprogramme für Ausländer. Aber für solche Abkürzungen durch den Paragrafendschungel bedarf es einer internationalen Infrastruktur im Unternehmen.
Folgerichtig fordert Koppel: "Für gut ausgebildete Kräfte sollten alle bürokratischen Hemmnisse beseitigt werden." Zwar sei verständlich, dass man eine Zuwanderung zu Lasten deutscher Arbeitsloser vermeiden wolle. Doch in den hohen Qualifizierungssegmenten sei die Situation nicht so, dass heimische Arbeitskräfte geschützt werden müssten: "Das ist etwas anderes als bei Geringqualifizierten."
"Mehr geduldet als willkommen"
Die Erleichterung käme kleinen wie großen Betrieben zugute. Andere Nachteile, die KMU bei der Personalwahl haben, ließen sich indes nicht so einfach beheben. "Deutschland gilt vielen Fachkräften als unattraktiv. Sie fühlen sich eher geduldet als willkommen", erklärt Koppel. Freundlichere Zuzugsregeln würden zwar für einen besseren ersten Eindruck bei Interessenten sorgen, könnten aber nur ein kleiner Schritt sein zu einer Kultur, die Fremde stärker willkommen heißt.
Das betrifft viele kleine und mittlere Unternehmen tatsächlich stärker, je nach ihrem Standort: Der typische deutsche Mittelstand hat seinen Stammsitz in der Provinz, oft in malerischen Gegenden, für Fremde aber im Niemandsland. In Kleinstädten fällt man zudem mit einem fremden Aussehen stärker auf als etwa in Berlin oder Hamburg. Bis sich solch eine Fachkraft dort heimisch fühlt, kann es sehr lange dauern, selbst wenn sie keinen offenen Ressentiments begegnet.
Bleiben noch die strukturellen Nachteile der Kleinbetriebe. "KMU haben nicht den gleichen Bekanntheitsgrad wie große Konzerne. Bereits das macht die Rekrutierung ausländischer Fachkräfte schwieriger, weil sich weniger Kandidaten von sich aus bewerben", stellt Rullko-Chefin Ostermann fest.
Außerdem sei es typisch für Betriebe wie ihren, dass sie sich stark spezialisieren, um sich gegenüber der Konkurrenz der Großkonzerne behaupten zu können. "Wir programmieren Software für Großküchen selbst", sagt Ostermann. "Da werden Qualifikationen gebraucht, die man kaum woanders erlernen kann."
Dieses Problem können letztlich nur die Betriebe selbst lösen - durch Ausbildung. Ihre Großküchensoftware lässt Ostermann von einem jungen Mann polnischer Herkunft schreiben und warten. Zuzugsregeln waren allerdings nie ein Problem für ihn. Er ist in der Gegend zur Schule gegangen. Dann begann er seine Berufsausbildung - bei Rullko.
© manager magazin online 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH