Von Frank Burger
Hamburg - Deutschlands Bahnreisende können vorerst aufatmen: Der Sommer legt eine Pause ein, die Temperaturen bewegen sich wieder im mitteleuropäischen Normalbereich - damit schwindet auch die Gefahr, irgendwo zwischen Kiel und Konstanz Opfer einer versagenden Klimaanlage im Intercity-Express (ICE) zu werden.
Heiß her geht es trotzdem. Der Zorn der Öffentlichkeit auf die Deutsche Bahn kocht weiter. Deren Chef Rüdiger Grube wusste mitten in der Krise nichts Besseres zu tun, als den Schwarzen Peter flugs an die Bahnhersteller weiterzureichen: "Wir haben von der Industrie bislang fast nie Züge geliefert bekommen, die auch das geleistet haben, wofür wir bezahlt haben", sagte er in einem Interview.
Natürlich hat der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Bahnindustrie in Deutschland (VDB), Ronald Pörner, den Vorwurf zurückgewiesen - aber die Frage ist: Überträgt sich das schlechte Image der Bahn dennoch auf die Konstrukteure der Pannenzüge? Droht namentlich Siemens
Mobility als Konsortialführer der betroffenen ICE bei der Vergabe internationaler Aufträge im Hochgeschwindigkeitsbereich ins Hintertreffen zu geraten?
Die Sorge ist berechtigt, denn im Hochgeschwindigkeitssegment locken weltweit gute Geschäfte. Nach einer Studie des europäischen Verbandes der Eisenbahnindustrie (UNIFE) wird der globale Markt für Schienenfahrzeuge bis 2016 jährlich um rund 2,5 Prozent zulegen, der Hochgeschwindigkeitszweig soll noch stärker wachsen. Die auf den Eisenbahnsektor spezialisierte Unternehmensberatung SCI aus Hamburg rechnet damit, dass der weltweite Bestand an Hochgeschwindigkeitszügen zwischen 2010 und 2015 um fast die Hälfte zunehmen wird.
SCI-Chefin Leenen: "Die anderen Unternehmen haben die gleichen Probleme"
SCI-Geschäftsführerin Maria Leenen denkt, dass Siemens ein angemessenes Stück dieses Kuchens abbekommen wird. "Die Pannen, die in den vergangenen Monaten beim ICE aufgetreten sind, schmälern die Chancen von Siemens im internationalen Geschäft nicht", sagt Leenen. "Die ausgefallenen Klimaanlagen stammen von Zulieferern und sind 15 Jahre alt, damals hat man einfach nicht mit solchen Temperaturen gerechnet. Wer diese Züge kauft, weiß, dass in so einer langen Zeit Probleme auftreten können. Fehler bei Einzelkomponenten bedeuten nicht, dass das ganze System anfällig ist."
Die Expertin glaubt auch nicht, dass Siemens-Konkurrenten wie Alstom
oder Bombardier
plötzlich bessere Karten im Auftragspoker haben: "Die anderen Unternehmen haben die gleichen Probleme, denn weltweit gibt es nur eine Handvoll Klimaanlagenbauer, die alle beliefern." Hinzu kommt, dass die meisten Hochgeschwindigkeitszüge Konsortialprojekte mehrerer Wettbewerber sind. Daher verbinden Eisenbahnbetreiber, also die potenziellen Auftraggeber, die Qualität eines Zuges auch nicht mit einem einzelnen Hersteller - das hat SCI bei einer Befragung aller großen Betreibergesellschaften rund um den Globus herausgefunden. Bombardier-Sprecher Heiner Spannuth drückt es so aus: "Beim ICE sind viele Firmen mit an Bord - wir teilen uns Lob und Tadel."
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