"Viele Verbraucher haben im Hinterkopf, dass Deutschland die Krise besser wegsteckt als andere Länder und zum Beispiel der Arbeitsmarkt quasi ungeschoren davonkommt", beschreibt GfK-Marktforscher Rolf Bürkl die guten Voraussetzungen für höheren Konsum. Doch der Effekt geht möglicherweise weit darüber hinaus.
Ökonom Vöpel erwartet nicht zuletzt bei den Führungseliten des Landes einen bleibenden Effekt, der auch wirtschaftlichen Nutzen bringt. Er ist sich sicher, dass es manchen Unternehmen nun leichter fallen wird, von alten Gewohnheiten Abschied zu nehmen. "Weit verbreitete Traditionen werden aufgebrochen - allein schon, weil Fußball verbindet und stark wahrgenommen wird."
Zu diesen Traditionen zählen autoritärer Führungsstil, Klüngelwirtschaft und der Vorrang von Hierarchie vor Teamarbeit. "Auch wenn es darum geht, Mitarbeiter für ein Projekt zu akquirieren, gilt: Die beste Mannschaft besteht nicht nur aus guten Einzelspielern", sagt Vöpel.
Das Thema Integration dürfte nach Ansicht der Wissenschaftler ebenfalls eine neue, positive Wendung bekommen. "Migranten nehmen das wichtige Signal wahr: Wir sind drin, wir gehören dazu", sagt Brettschneider. Der türkischstämmige Özil als Regisseur auf dem Platz, der polnischstämmige Klose als deutscher Torjäger Nummer eins, dazu Ur-Bayern wie Schweinsteiger und Müller und dann alle gemeinsam jubelnd - "das sind starke Bilder, die länger halten. Und sie verändern die Basis, aufgrund derer viele Menschen handeln".
Was passiert bei Niederlagen?
Zudem nutzen sie nicht nur der Gesellschaft, sondern nüchtern betrachtet auch der Wirtschaft. "Die Globalisierung hat den Bedarf für Diversität vergrößert", sagt Vöpel. "Es geht dabei darum, internationale Märkte zu verstehen und das Potenzial von Migranten zu nutzen. Ein Team mit Mitgliedern aus verschiedenen Ländern lernt von deren vielfältigen Erfahrungen."
So weit die Theorie. Doch klappt es mit der Praxis auch wirklich jenseits des Fußballplatzes? In lebhafter Erinnerung sind noch die Bilder brennender Autos aus den Pariser Vorstädten, ganz in der Nähe des Stade de France, in dem Frankreich 1998 nicht nur den WM-Titel feierte, sondern auch seine multikulturelle Mannschaft.
Alles andere als zugehörig zur Mitte der Gesellschaft fühlten sich die jungen Franzosen mit Migrationshintergrund, die sich im Herbst 2007 mit der Polizei harte Gefechte lieferten. Und bei der WM in Südafrika war es dann endgültig vorbei mit der legendären Strahlkraft der Equipe Tricolore, die spielerisch und menschlich versagte. "Es ist jetzt wichtig, dass der Deutsche Fußball-Bund seinen Integrationskurs bewusst fortsetzt", sagt Brettschneider.
Bisher ist das Sommermärchen 2010 nur eine spannende Geschichte, allerdings eine, die sich in den Köpfen der Menschen wohl festsetzen wird. Fraglich ist dabei, wie sehr die Aufbruchstimmung allein von den sportlichen Erfolgen lebt. Was ist, wenn die deutsche Mannschaft bei der nächsten Europameisterschaft unglücklich in der Vorrunde ausscheidet? "Die Sinnhaftigkeit der Löw'schen Prinzipien lassen sich nicht nur am fußballerischen Erfolg festmachen", sagt HWWI-Forscher Vöpel. "Aber der Test steht in dieser Hinsicht noch aus."
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