Hamburg - Dass Fußballweltmeisterschaften wie kleine Konjunkturprogramme wirken, ist inzwischen bekannt. Adidas, Nike und Co. verkaufen mehr Trikots, Brauereien mehr Bier, Wurstfabriken mehr Wurst, Elektronikkonzerne mehr Fernseher, und Fluggesellschaften verlangen besonders hohe Preise für Reisen zu den Spielorten. Die "Anschaffungsneigung" der Deutschen habe schon im Vorfeld des Großereignisses zugenommen, meldete pflichtschuldig das Marktforschungsunternehmen GfK.
Doch dank des guten Abschneidens der deutschen Mannschaft in Südafrika setzt sich inzwischen jedoch sogar die Erkenntnis durch, dass ein weitaus stärkerer Impuls von der Weltmeisterschaft ausgehen könnte. "Die Rückwirkung in Deutschland dürfte enorm sein", sagt Ökonom Henning Vöpel vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI).
Kein konjunkturelles Strohfeuer, keine plötzlichen Exporterfolge wegen des nach der Heim-WM 2006 erneut gewachsenen Ansehens hat er dabei im Sinn. Der Erfolg könne durchaus grundlegender und von Dauer sein.
Vor allem der Art und Weise, wie die Löw-Truppe von Sieg zu Sieg eilt, messen nicht nur Wirtschaftswissenschaftler wie Vöpel eine große Bedeutung zu. "Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass etwas bleibt", sagt auch Kommunikationsforscher Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim bei Stuttgart.
Aus Sicht der Experten versteht es Löw auf nahezu geniale Weise, moderne Formen des Managements und der Unternehmensführung in der Fußballwelt zu etablieren. "Die Mannschaft steht für Dynamik, kollektive Leistung und Teamorientierung statt Eigennutz", sagt Vöpel. "Die Art und Weise, wie die Mannschaft Erfolge erringt, könnte sie zum Role Model für Management und Politik machen."
Fast zu schön, um wahr zu sein
Eine zu gewagte These? Fast übertrieben schön scheint die Geschichte vom deutschen Kollektiv, in dem jeder wichtige Impulse gibt und nicht nur Rädchen im Getriebe ist. In dem die Spieler in den Jugendmannschaften behutsam ausgebildet und an die A-Mannschaft herangeführt wurden. In dem in Akteuren wie Mesut Özil und Sami Khedira Zuwanderer vorbildlich integriert wurden. Und in dem es eben nicht auf die egozentrischen Führungsfiguren und Einzelkämpfer ankommt, von denen vermeintlich das Spiel der gescheiterten Mannschaften Italiens, Frankreichs oder auch Argentiniens geprägt war.
"Die Öffentlichkeit betrachtet die deutschen Siege in Südafrika als kollektive Leistung", sagt Brettschneider. Das zählt - auch wenn glückliche Umstände mithelfen, und die ganze Sache etwas holzschnittartig hochgejubelt wird. Die Geschichte trägt. Und stärke deshalb das Selbstbewusstsein der Menschen.
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