Von Nicole Basel
Es gibt Momente, in denen eine Suppe Panik auslösen kann. Peter Griebel hat das erst kürzlich erlebt. Griebel ist Küchendirektor des Estrel in Berlin, Deutschlands größtem Hotel. Bis zu 10.000 Mahlzeiten werden in seinen Töpfen am Tag zubereitet. Seit vielen Jahren managt Griebel Großküchen. Aber so eine Sache wie mit der Suppe hat er noch nicht erlebt. Damals warten 600 Leute bei einem großen Essen auf die Vorspeise. Kurz vor Schluss wird klar: 40 Portionen fehlen.
"Das ist eine Stresssituation, die ist gewaltig", sagt Griebel. Er weiß, dass er als Chef in solchen Momenten gelassen bleiben muss. Seine Leute brauchen dann schnelle Entscheidungen. In seinen 34 Berufsjahren hat er sich einige Verhaltensweisen antrainiert, auf die er in solchen Extremsituationen zurückgreifen kann: "Früher war ich der größte Hektiker", sagt er. "Heute gehe ich hin und beobachte."
Seine wichtigste Regel: Entsteht Stress, weil zu viel zu tun ist, darf man als Chef niemals selbst in die Lücke springen. Denn das Team braucht einen als Führungsperson. "Man muss delegieren: kurze, verständliche Anweisungen geben. In diesem Fall hieß das: Alle Suppen, die die Kellner noch haben, retten, zurück in den Topf und dann verlängern."
Extremer Zeitdruck und Stress gehört in vielen Berufen dazu: Er bricht in Zeitungsredaktionen aus, wenn kurz vor Redaktionsschluss ein Minister zurücktritt, in Anwaltskanzleien, wenn der Großkunde droht abzuspringen, falls man innerhalb von 24 Stunden keine Lösung präsentiert, oder bei Autobauern, wenn mitten in der Produktion eine Maschine ausfällt und alles stockt. Wenn die normalen Arbeitsabläufe nicht mehr gelten, sind Führungskräfte besonders gefordert.
Die richtigen Entscheidungen treffen, trotz Extremsituation
Jan Schlösser erforscht an der Universität Konstanz, wie sich Stress auf die Leistungsfähigkeit auswirkt. Der Psychologe schult auch Führungskräfte bei der Feuerwehr, damit sie in Extremsituationen die richtigen Entscheidungen treffen. Man müsse wissen, was in einem solchen Moment im Körper passiere, erklärt Schlösser. Bei Zeitdruck etwa oder Informationsüberflutung werden im Organismus Stresshormone ausgeschüttet. "Der Körper bereitet sich darauf vor, entweder zu kämpfen oder zu fliehen." Das habe für die Führungsarbeit Konsequenzen: "Die Aufmerksamkeit verengt sich. Dinge, die einem sonst sofort ins Auge stechen, sieht man nicht mehr. Man kann sich nicht mehr so viel merken."
Um trotz Zeitnot gute Führungsarbeit leisten zu können, helfe vor allem eines: Üben. "Stress behindert das Denken, Erfahrungen kann man aber noch gut abrufen", erklärt Schlösser. "Schnell und zuverlässig sind unter Stress nur Verhaltensweisen, die man geübt hat." Daher sollte man in Stresssituationen so viel wie möglich auf seine Erfahrung vertrauen. Die dann frei bleibende Kapazität kann man so nutzen, um das Wichtige zu überdenken.
Wer noch keine Erfahrung habe, dem helfe nur eins: Die Veränderungen des Körpers zu akzeptieren. "Wer weiß, dass sein Körper in einer Stresssituation Adrenalin ausschüttet, und sich darauf einstellt, der kann damit auch besser umgehen", sagt Schlösser. Außerdem sei es wichtig, zu versuchen, das sogenannte "Selbstmonitoring" zu unterbinden. "Wer sein eigenes Verhalten schon während der Stresssituation analysiert, dem fehlen diese Denkkapazitäten für andere Aufgaben."
Küchendirektor Griebel sagt, dass es unter Stress vor allem wichtig ist, seine Leute gut zu kennen. "Ich muss genau wissen, wer welche Leistung abrufen kann." Griebel rät, das Team auf Stresssituationen vorzubereiten, ihnen klar zu machen, welche Regeln dann gelten. "Unter Stress zu diskutieren, ist etwa ein Tabu." Es brauche klare Autoritäten. Und eine gewisse Gelassenheit - auch beim Chef: "Ich habe Jahre gebraucht, um ruhig zu bleiben", gibt Griebel zu. Doch das eigene Verhalten übertrage sich sofort auf die Gruppe. Vor vielen Jahren habe er einmal im Stress sein Handy an die Wand gepfeffert. "Die Folge war, dass in den Wochen danach mehrere Köche ihre Telefone auch an die Wand geschmissen haben."
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