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24.06.2010
 

Aufstieg

Gestatten, Chef

Von Marike Frick

Plötzlich Chef: Wer sein Verhalten schlagartig ändert, wirkt nicht mehr authentisch
Corbis

Plötzlich Chef: Wer sein Verhalten schlagartig ändert, wirkt nicht mehr authentisch

Am Freitag noch Kollege, am Montag plötzlich Vorgesetzter - wer zum ersten Mal die Führung übernimmt, muss sich vielen neuen Fragen stellen: Soll ich jetzt anders mit den Kollegen umgehen? Muss ich autoritärer werden? Und was, wenn ein Mitarbeiter mich nicht ernst nimmt?

Hamburg - Macht. Verantwortung. Führung. Das sind die neuen Vokabeln in Petra Westmeiers Leben. Anfang des Jahres wurde sie zur Abteilungsleiterin in einem mittelständischen pharmazeutischen Unternehmen ernannt. Sie entscheidet jetzt über den Kauf neuer Produktionsanlagen und darüber, wann ihre Mitarbeiter in den Urlaub fahren dürfen. Mitarbeiter wohlgemerkt, die bis vor Kurzem noch völlig gleichberechtigt neben ihr arbeiteten. Jetzt ist Westmeier Chefin. Und sie versucht bis heute herauszufinden, wie diese Rolle am besten auszufüllen ist.

"Ich wollte auf keinen Fall plötzlich autoritär auftreten", sagt Westmeier über ihren ersten Tag in der neuen Position. Gut so, meint Uwe Gremmers, Autor des Buches "Neu als Führungskraft. So werden Sie ein guter Vorgesetzter". "Wer sich auf einen Schlag anders verhält, wirkt nicht mehr authentisch. Das hält man nicht lange durch." Gremmers erzählt von einem jungen Chef, der am ersten Tag im Armani-Anzug in die Firma kam. "Der war völlig deplatziert."

Das Wichtigste ist laut Gremmers gar nicht, wie man auftritt, sondern was man sagt. "Setzen Sie sich mit Ihrem Team zusammen, und sprechen Sie über die neue Rolle. Machen Sie klar, was das Unternehmen von Ihnen erwartet." Werde man dabei von einem Kollegen nicht ernst genommen, müsse man das Gespräch unter vier Augen suchen. "Formulieren Sie höflich und mit Wertschätzung, wie Sie sich die Zusammenarbeit wünschen."

Auch Führungskräfte-Coach Hansjörg Schumacher rät zu klärenden Gesprächen. "Nur weil man sich schon kennt, heißt das nicht, dass man keine neuen Absprachen treffen muss." Man solle die Mitarbeiter fragen, was sie erwarten und sagen, was man selbst von ihnen erwarte. "Der größte Fehler ist, sich mit ihnen zu verbrüdern", sagt Schumacher. "Wenn sich etwa eine Führungskraft dafür entschuldigt, dass er jetzt Chef ist. Oder wenn er in einer Problemsituation lässig signalisiert: Ist doch nicht so schlimm, für dich drücke ich auch mal zwei Augen zu."

"Jetzt bin ich der Chef"

Ein weiteres Tabu: Mit den anderen am Kopierer stehen und tratschen oder lästern. "Eine Führungskraft braucht professionelle Distanz, um auch kritisieren zu können. Es ist jetzt eine Grenze da, Sie haben Macht, und die dürfen Sie nicht negieren. Sie sollten sie aber natürlich auch nur dosiert einsetzen."

Petra Westmeier fällt es manchmal schwer, mit dieser neuen Macht umzugehen. "Eben noch saß ich in Teamsitzungen als eine von vielen, jetzt erwarten alle, dass ich die Richtung vorgebe. Da habe ich oft noch Hemmungen." Westmeier bespricht solche Situationen mit ihrem Coach. Neulich erzählte sie ihm von einem Mitarbeiter, der patzig wurde. Sie hatte dem Mann eine Aufgabe zugeteilt, die ihm nicht gefiel. Er reagierte gereizt. Als Kollegin hätte Westmeier gesagt: "Komm mal wieder runter." Als Vorgesetzte sagte sie: "Wenn du das nächste Mal so mit mir redest, wird das Konsequenzen haben." Sie hat ihre Macht genutzt - weil es für die Produktivität der Abteilung notwendig war. Vom Coach gab es dafür ein Lob.

Doch Westmeiers neue Rolle beinhaltet auch, Vorbild zu sein. "Mir ist es wichtig, pünktlich zu Besprechungen zu kommen, gut zuzuhören, Absprachen einzuhalten - nur dann kann ich es schließlich auch von den anderen erwarten." Auch will sie Entscheidungen nicht immer allein treffen. Wenn sie fachlich nicht ganz im Bilde ist, fragt sie auch mal: "Was würde aus deiner Sicht passieren, wenn ich mich für A oder B entscheide? Und wofür würdest du votieren?"

Ein wenig ist es, als bestünde sie aus mehreren Persönlichkeiten: der klug abwägenden Entscheiderin, der Zuhörerin, der Durchgreifenden, die klare Worte finden muss. Sie motiviert, moderiert, gibt Ziele vor und kritisiert, wenn diese nicht eingehalten werden. Sie verteidigt Einzelne ihrer Abteilung vor anderen, wird ständig angerufen, angefragt, sitzt in unzähligen Meetings. Und vor allem: Sie arbeitet etwa zehn bis zwölf Stunden jeden Tag, das ist deutlich mehr als vorher. "Früher konnte ich sagen: Das geht auch ohne mich, das soll eben der Chef machen", sagt Westmeier. "Jetzt aber bin ich der Chef."

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