Konjunktur
Deutschland wächst weiter - trotz Krise
Von Carsten-Patrick Meier
Getty Images
Es läuft wieder rund: Das Wachstum in Deutschland dürfte 2010 höher ausfallen, als viele vermutet haben. Spannend wird sein, ob der mm-Indikator den erreichten Stand halten wird
Das neue Konjunkturbarometer des manager magazins zeigt eine deutlich aufgehellte Schönwetterlage. Das Wachstum zieht an - und das in einer Zeit, da die Finanzkrise die Wirtschaft in Atem hält.
Die Stimmung ist gut unter den Managern in Deutschland. Die Geschäftslage ihrer Unternehmen beurteilten sie im Mai per saldo um einiges besser als im langjährigen Mittel, die Aussichten fürs Geschäft in den kommenden sechs Monaten sogar sehr viel besser.
Legt man die Zusammenhänge zwischen den Einschätzungen der Manager und der Konjunktur - gemessen am Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) - während vergangener Konjunkturzyklen in Deutschland zugrunde, wie dies der neue mm-Indikator tut, so ist im laufenden Jahr eine Zunahme des realen BIP um 1,9 Prozent drin. Die gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten, die derzeit vermutlich etwa um 1 Prozent wachsen, wären dann zwar wohl immer noch unterausgelastet, allerdings deutlich weniger als im vergangenen Jahr.
Und vor allem auch weitaus weniger als noch vor Kurzem realistisch erschien. Noch der April-Wert des Indikators deutete nur auf einen Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion um magere 1,3 Prozent hin, der Internationale Währungsfonds prognostizierte damals sogar nur 1,2 Prozent, die Gemeinschaftsdiagnose kam Ende April mit 1,5 Prozent heraus.
Auch wenn im aktuellen manager magazin die erste Veröffentlichung des neuen Indikators erfolgt, so haben wir doch historische Indikatorstände berechnet, um im Wege eines "back testing" zu prüfen, wie es dem Indikator in der Vergangenheit gelungen wäre, die konjunkturelle Entwicklung vorwegzunehmen.
Euro-Krise hat in Deutschland nicht nur negative Wirkungen
Woher also kommt der große Umschwung im Mai und Juni? Vor allem: Wie konnte der Indikator im Juni erneut steigen? Immerhin hielten doch die Turbulenzen um die Finanzierung der griechischen (und spanischen, portugiesischen, belgischen, italienischen
) Staatsschulden Finanzmärkte und Politik in Atem.
Dass diese Krise in dem Konjunkturbild, dass der Indikator zeichnet, noch keine Bremsspuren hinterlassen hat, hat zwei Gründe: Zum einen antworteten die Manager auf die Frage nach ihren Erwartungen für die kommenden sechs Monate per saldo zwar vorsichtiger als im Vormonat, dies aber nur sehr geringfügig. Offenbar standen den Befürchtungen um die Folgen neuerlicher Bankenpleiten und um die Absatzaussichten im südlichen Europa entgegen, dass die "Griechenland-Krise" in Deutschland nicht nur negative Wirkungen hatte.
Immerhin stimuliert die deutliche
Abwertung des Euro den Export in Länder außerhalb des Währungsgebietes, vor allem nach Asien. Und der krisenbedingte
Rückgang der Hypothekenzinsen lässt nicht nur die Herzen junger Familien und anderer potentieller Häuslebauer höherschlagen, sondern auch die der Manager in der Bauwirtschaft.
Eine Rolle spielte darüber hinaus ein statistischer Effekt. Im Mai revidierte das Statistische Bundesamt seine Schätzung vom vergangenen Februar für das reale Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal 2009 nach oben. Da damit das Ausgangsniveau für das BIP im Jahr 2010 höher liegt als zuvor, erhöht sich automatisch der Indikator; ohne diesen Effekt wäre er gegenüber dem Stand vom Mai gesunken.
Interessant ist nun, ob der Indikator den erreichten Stand halten wird. Ähnlich optimistisch hinsichtlich der Geschäftsaussichten wie im April 2010 waren die deutschen Manager zuletzt im April 2007. Damals strebte der Boom der Weltwirtschaft seinem Höhepunkt zu - und nur wenige Wochen später sollte eine globale Banken- und Finanzkrise, wie sie in den Industrieländern seit den 1930er Jahren nicht mehr aufgetreten war, die Konjunktur erschüttern. Diese Krise ist noch längst nicht ausgestanden.
Zum Autor
Carsten-Patrick Meier, Geschäftsführer und Mitinhaber des privaten Forschungsinstituts
Kiel Economics, gilt als einer der besten Kenner der deutschen Konjunktur. Zwischen 1998 und 2008 leitete er am Kieler Institut für Weltwirtschaft zunächst die Forschungsgruppe "Deutsche Konjunktur" und später den Forschungsbereich "Risiken im Bankensektor".
Für das manager magazin erstellt er seit Juni 2010 den mm-Indikator, die erste monatlich aktualisierte Vorausschau auf die jährliche Wachstumsrate der deutschen Wirtschaft.
mm-Konjunktur-Indikator
Der mm-Konjunktur-Indikator zeigt den voraussichtlichen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Deutschland im Durchschnitt des gesamten laufenden Jahres sowie des kommenden Jahres an. Er liefert damit erstmals eine monatlich aktualisierte Vorausschau für jene Zahl, die wie keine andere für den Erfolg oder Misserfolg unserer Wirtschaft steht: das Wirtschaftswachstum, gemessen am Bruttoinlandsprodukt.
Gleichwohl ist der Indikator keine traditionelle Konjunkturprognose, wie sie von Wirtschaftsforschungsinstituten und internationalen Organisationen regelmäßig veröffentlicht werden. Der mm-Indikator beruht auf Befragungen von Managern, wie sie das Münchner Ifo-Institut im Rahmen des Ifo-Konjunkturtest erhebt. Das Verfahren hat sich seit Jahren bewährt. Vor allem im Bereich der kurzfristigen Prognose, wenn es darum geht, die laufende Entwicklung der Konjunktur, über die noch keine amtlichen Daten zur Produktion oder zum Auftragseingang vorliegen, einzuschätzen und den Produktionsanstieg im kommenden Quartal zu prognostizieren, sind die Umfragewerte zu einer unentbehrlichen Grundlage geworden.
Die Innovation des mm-Indikators besteht darin, dass Aussagen für die konjunkturelle Entwicklung über den aktuellen Rand hinaus möglich sind.
Um einen Prognosehorizont des Indikators zu erreichen, der über die bei Konjunkturindikatoren gängigen zwei oder drei Monate hinausgeht, wurde die gesamte vorliegende Historie der monatlichen Manager-Einschätzungen von mehr als 50 Jahren – und damit fünf vollständigen Konjunkturzyklen – mithilfe ökonometrischer Verfahren ausgewertet.
Als maßgeblich stellten sich dabei die Antworten der Manager auf die Fragen nach der derzeitigen undder in sechs Monaten erwarteten Geschäftslage. Außerdem zeigte sich, dass sich aus den Antworten bereits ab September des Vorjahres akzeptable erste Einschätzungen über den BIP-Anstieg im Folgejahr ableiten lassen. Daher wird der mm-Indikator sobald die Ergebnisse der Septemberumfrage vorliegen, also immer im Oktober, beginnen, einen Wert für den BIP-Zuwachs im Folgejahr auszuweisen, während gleichzeitig der Wert für den BIP-Anstieg im laufenden Jahr noch bis Dezember dargestellt wird.
Unternehmerische Entscheidungen werden stets unter Unsicherheit getroffen. Wie groß diese Unsicherheit mit Blick auf die konjunkturelle Entwicklung ist, darüber gibt der mm-Indikator ebenfalls eine Schätzung ab. Er stellt nicht nur den im jeweiligen Monat wahrscheinlichsten Wert für den BIP-Zuwachs dar, sondern weist zusätzlich ein Intervall aus, indem der BIP-Anstieg voraussichtlich liegen wird, wenn eine bestimmte Irrtumswahrscheinlichkeit nicht überschritten werden soll.
Dargestellt ist das Prognoseintervall bei einer Irrtumswahrscheinlichkeit von einem Drittel. Im langjährigen Mittel sollte der später ausgewiesene tatsächliche Anstieg des realen BIP also bei zwei von drei Prognosen in dem angegebenen Intervall liegen. Natürlich ließe sich auch eine deutlich geringere Irrtumswahrscheinlichkeit wählen, beispielsweise 5 Prozent. Dann wäre allerdings das Prognoseintervall deutlich breiter – und damit möglicherweise nicht mehr relevant für unternehmerische Entscheidungen. Im übrigen werden die vom mm-Indikator ausgewiesenen Werte naturgemäß im Jahresverlauf zunehmend präziser, schon weil unterjährig Quartalswerte für das reale BIP veröffentlicht werden, die bei der Indikatorberechnung berücksichtigt werden. Entsprechend schrumpft das Prognoseintervall des Indikators ohnehin von Monat zu Monat.
Neben den tatsächlichen statistischen Daten aus der volkwirtschaftlichen Gesamtrechnung ist der monatliche Konjunkturtest des Ifo-Instituts die wichtigste Grundlage des mm-Indikators. Für diese Umfrage werden seit den 50er Jahren Monat für Monat mehrere tausend Manager in der deutschen Industrie, im Baugewerbe und im Handel befragt. Etwa seit 1960 gibt es einen stabilen und repräsentativen Berichtskreis.
Zurzeit nehmen etwa 7000 Manager regelmäßig an der Umfrage zum Konjunkturtest teil. Sie äußern Einschätzungen zur laufenden Entwicklung von Produktion, Auftragseingang und –bestand sowie zu deren voraussichtlicher Entwicklung in den kommenden Monaten. Die Beurteilung ist dabei allerdings rein qualitativer Natur: Die Manager sollen nur angeben, ob sie die laufende Situation und die zukünftige Entwicklung als besser, genau wie zuletzt oder schlechter als im vergangenen Monat bewerten. Erst dadurch, dass am Schluss alle Einschätzungen gegeneinander aufgerechnet werden, wird aus den qualitativen Urteilen der Manager ein quantitatives Maß für die Konjunktureinschätzungen in den Branchen und in der Gesamtwirtschaft.
Das Institut
Das private Wirtschaftsforschungsinstitut
Kiel Economics ist eine Ausgründung aus dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Die Geschäftsführer, Carsten-Patrick Meier und Jonas Dovern, waren im Prognosezentrum des IfW und in verschiedenen Forschungsbereichen des Instituts tätig. In den vergangenen Jahren waren sie maßgeblich an der Erstellung der regelmäßigen Konjunkturprognosen des IfW und an der Erarbeitung der Frühjahrs- und Herbstgutachten im Rahmen der Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsforschungsinstitute beteiligt. Darüber hinaus kooperieren sie mit Wissenschaftlern an anderen Wirtschaftsforschungsinstituten und an Universitäten.
Ab Herbst 2010 wird Kiel Economics in Zusammenarbeit mit dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) im Auftrag des Bundewirtschaftsministeriums an der Gemeinschaftsdiagnose mitwirken.
Die Kernkompetenzen des Instituts liegen in der Analyse gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge und in den Bereichen quantitative Modellierung und Prognoseverfahren. Außer den Ergebnissen volkswirtschaftlicher Forschung, insbesondere der Makroökonomik und der Ökonometrie, berücksichtigen die Kieler Forscher in ihren Analysen, Prognosen und Modellierungen auch Erkenntnisse aus anderen Bereichen – darunter Financial Economics und Behavioral Finance, Organisationswissenschaften, Psychologie und Betriebswirtschaftslehre.