München/Hamburg - Einer muss Stallwache halten, falls doch jemand anruft, während des Deutschlandspiels. Alle anderen Mitarbeiter sitzen im Aufenthaltsraum und fiebern mit der Nationalelf, die in ihrem zweiten Vorrundenspiel gegen Serbien antritt. Das Fußballvergnügen wird voll als Arbeitszeit berechnet. Und die Stallwache hat später zwei Stunden Pausenzeit gut.
Eine paradiesische Regelung wie diese, Realität bei einem mittelständischen Hamburger Tourismusanbieter, können sich nur wenige Firmen erlauben. Aber sie alle stehen alle zwei Jahre vor der Frage: Wie gehen wir mit den großen Fußballturnieren um? 2008 ging es um die Europameisterschaft, derzeit dreht sich alles um die Weltmeisterschaft.
Das Ifo-Institut ging der Frage nach, wie die deutschen Unternehmen es diesmal halten mit der Herzensfrage: Chef, darf ich das Spiel sehen? Für eine Studie, die manager magazin exklusiv präsentiert, fragten die Münchener Wirtschaftsforscher bei rund 1000 Personalleitern nach, im Rahmen ihrer vierteljährlichen Umfrage zum Randstad-Ifo-Flexindex.
Das ernüchternde Ergebnis: 59 Prozent der Befragten gaben an, dass sie auf die Fußball-WM keine Rücksicht nehmen können (siehe Bildergalerie). Feste Arbeitszeitregelungen, Schichtbetrieb, regelmäßiger Kundenkontakt oder bestimmte Produktionsziele ließen solch eine Kulanz nicht zu, geben sie zur Begründung an.
Trotzdem bemühen sich viele Unternehmen, den Mitarbeitern irgendwie entgegen zu kommen. So werden Urlaubsanträge großzügig behandelt und auch der Schichttausch unter Mitarbeitern problemlos genehmigt. Zum Instrumentarium zählen außerdem Arbeitszeitverlegungen oder besondere Pausenregelungen, sodass zumindest Teile eines wichtigen Spieles mitverfolgt werden können. Wer ohnehin flexible Arbeitszeiten hat, darf davon erst Recht in Zeiten der WM Gebrauch machen. Und wenn gar nichts anderes geht, genehmigen viele Arbeitgeber immerhin den Radioempfang während der Arbeit.
Immerhin ein Drittel erlaubt es den Beschäftigten, die Arbeit zu unterbrechen. Das kommt besonders häufig in größeren Unternehmen vor; in Betrieben mit weniger als 250 Mitarbeitern liegt diese Quote niedriger.
Oft ist die Genehmigung für eine Arbeitsunterbrechung auf Spiele mit Beteiligung der deutschen Nationalmannschaft beschränkt - ein handfester Grund, Jogis Jungs die Daumen zu drücken. Bei 88 Prozent der Unterbrecher gilt das Fußballspiel aber als Freizeit, die später wieder nachgearbeitet werden muss. Nur bei 12 Prozent der Unternehmen zählt das Fußballfieber als Arbeitszeit. Dieser Anteil ist besonders hoch bei Handelsunternehmen (23 Prozent) und bei solchen mit weniger als 50 Mitarbeitern (18 Prozent).
Mit dem Flexindex erfasst das Ifo-Institut - neben einer Sonderfrage zu jeder Befragungsrunde - die Bereitschaft von Personalchefs, Instrumente zur Flexibilisierung der Arbeit einzusetzen. Im zweiten Quartal 2010 ist dieser Index erheblich gefallen, von 10,1 auf 6,0 Punkte. Im Vorjahresquartal hatte er noch bei 15,0 Punkten gelegen.
Das bedeutet, dass Maßnahmen wie Zeitarbeit, Überstunden oder Minijobs seltener zum Einsatz kommen. Für den Rückgang verweisen die Wirtschaftsforscher vor allem auf den Aufschwung: Die Kapazitäten sind immer besser ausgelastet. Es gibt seltener Grund, Mitarbeiter nach Hause zu schicken und sich mit deren Arbeitszeitkonto zu trösten. Zu dieser Erklärung passt die Annahme der Unternehmen, dass im 3. Quartal vor allem Überstunden eine größere Bedeutung zukommen wird.
WM am Arbeitsplatz: Die Mehrheit muss nacharbeiten
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