RWE Innogy
Keine Windenergie ohne Kernenergie
Von Helmut Reich
AFP
Offshore-Windpark vor Großbritannien: RWE, Siemens und die Stadtwerke München haben gemeinsam mehr als zwei Milliarden Euro in ein solches Projekt investiert
Deutschlands Energieriesen müssen erneuerbare Energien fördern, zugleich aber ihr teils lukratives Altgeschäft verteidigen. In diesem Konflikt steckt auch RWE-Innogy-Chef Fritz Vahrenholt - und macht nach einer Zwei-Milliarden-Euro-Investition in einen Windpark eine verblüffende Rechnung auf.
Hamburg - Es ist nicht einfach mit der Energiewirtschaft. Die Materie ist kompliziert, die Meinungen zu den verschiedenen Stromquellen gehen weit auseinander und Politiker setzten öfter als in anderen Branchen die Rahmenbedingungen fest. Mittendrin steckt seit vielen Jahren Fritz Vahrenholt. Der Chemieprofessor war in seiner langen Karriere bereits Umweltsenator in Hamburg, Vorstandsmitglieder der Deutschen Shell und Chef des Windanlagenherstellers Repower Systems.
Seit 2008 verantwortet Vahrenholt nun die Geschäfte der RWE Innogy, dem grünen Gewissen des Essener Kern- und Kohlekraftkonzerns. Dort kümmert er sich um den Ausbau der erneuerbaren Energien in dem zu diesem Zweck gegründeten Tochterunternehmen. Dieses setzt seine Schwerpunkte vor allem auf die Windkraft und damit auf Vahrenholts bei Repower erworbene Kernkompetenz.
Vor dem Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten stellte dieser nun sein bisher größtes Projekt in Sachen Kohlendioxid-Vermeidung vor: Den Bau des Offshore-Windparks mit dem walisischen Namen "Gwynt y Môr", was so viel wie "Wind im Meer" bedeutet. In vier Jahren soll der Park vor der Küste Nordwales mit 160 Windkraftanlagen fertig gestellt sein. Mehr als zwei Milliarden Euro hat RWE Innogy zusammen mit den Stadtwerken München und Siemens in dieses Projekt investiert.
"Jährlich 1,7 Millionen Tonnen Kohlendioxid sparen wir damit im Vergleich zur Stromerzeugung aus Kohlekraftwerken ein", sagt Vahrenholt. Etwa 400.000 britische Haushalte können so in Zukunft mit einem ökologisch besseren Gewissen Strom verbrauchen. Doch warum profitiert ausgerechnet Großbritannien von diesem Joint Venture deutscher Unternehmen? "Die Briten brauchen den Strom, die Angst vor einer Abhängigkeit von russischem Gas ist auf der Insel besonders hoch", berichtet Vahrenholt. Der Standort sei zudem ideal gewählt, da die irische See nicht ganz so windstark wie die Nordsee sei und über flachere Gewässer verfüge.
Fritz Vahrenholt: "Das größte Investitionsvolumen aller Marktteilnehmer."
In Deutschland dagegen stammt bislang nur ein Bruchteil des von RWE angebotenen Stroms aus erneuerbaren Energien. Doch gegen den Ruf des "Greenwashing" wehrt sich Vahrenholt: "Unter dem Strich haben wir das größte Investitionsvolumen aller Marktteilnehmer." Eine Entwicklung, die noch recht jung ist und erst durch den neuen Vorstandschef Jürgen Großmann vorangetrieben wurde. "Zuvor war RWE nicht gerade als Fackelträger für erneuerbare Energien bekannt", gibt Vahrenholt zu.
Doch nun stehen ihm jedes Jahr eine Milliarde Euro an Investitionskapital zur Verfügung. Von der in der Bevölkerung besonders beliebten Photovoltaik hält Vahrenholt allerdings nicht viel. Die Erneuerbare-Energien-Gesetz-Umlage gleicht seiner Ansicht nach einer milliardenschweren sozialen Umverteilung: "Das Geld für die Umwandlung von Sonnenenergie wandert von den Bewohnern der Mietshäuser hin zu den Hausbesitzern, und zwar vornehmlich denen in Süddeutschland." Eigentlich sei das ein klassisches FDP-Programm, spottet Vahrenholt.
Im Gegensatz dazu habe sich die Windkraft von allen erneuerbaren Energien als am effizientesten ausgezeichnet. "Trotzdem benötigen wir auch die Kernkraft", sagt Vahrenholt, "um die starken Schwankungen beim Wind auszugleichen, solange es keine Lösung in der Stromspeicherproblematik gibt." In diesem Zusammenhang geißelt das langjährige SPD-Mitglied die Politik. "Selbst ehemalige Bundesumweltminister verbreiten in der Öffentlichkeit, dass Kernenergie nur schlecht regelbar sei. Entweder ist das Unwissenheit oder eine bewusste Falschaussage", wird Vahrenholt emotional.
Er habe das allerdings auch erst aus den Vorlesungsunterlagen seines Sohnes erfahren, gibt Vahrenholt zu. Auf die Frage, warum die Energiekonzerne selbst diesen Vorteil nicht offensiver kommuniziert haben, antwortet er, dass es zumindest bei RWE vor der Großmann-Zeit doch erhebliche Kommunikationsdefizite gab. "Sicher ist jedoch, dass Kernenergie am besten und schnellsten geregelt werden kann", sagt Vahrenholt und schlussfolgert: "Ohne Kernenergie gibt es keine Windenergie." Ein Satz, der das ganze Dilemma eines ökologisch denkenden Mannes in einem ökonomisch agierenden Konzern offenbart.
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Vor-/Nachteile der Energieträger
Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch. manager magazin zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.
Plus: Erdöl ist der Schmierstoff industrieller Volkswirtschaften. In Deutschland deckt Öl rund 35 Prozent des Energiebedarfs - so viel wie kein anderer Rohstoff. Im Verkehrssektor gibt es momentan kaum Alternativen zu Öl: Das bestehende Tankstellennetz ist auf Benzin und Diesel ausgerichtet, die heute gängigen Motoren fahren fast nur mit diesen beiden Treibstoffen.
Minus: Der Ölpreis ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen - und mit ihm der Spritpreis. Autofahrer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro für benzin zahlen. Die deutsche Volkswirtschaft verliert dadurch Milliardenbeträge, denn das Land ist fast völlig von Importen abhängig. Weltweit liegen die meisten Ölvorkommen in politisch heiklen Regionen wie dem Nahen Osten, Russland, Venezuela oder Nigeria. Versorgungskrisen kann man daher nicht ausschließen. Darüber hinaus ist Erdöl ein endlicher Rohstoff: Die bekannten Vorkommen gehen langsam zur Neige. Große neue Felder wurden in den vergangenen Jahren kaum entdeckt - und wenn, dann nur in schwierig zu erschließenden Gebieten wie der Arktis. Hinzu kommt die CO2-Problematik: Wenn Öl verbrannt wird, entsteht das Klimagas Kohlendioxid.
Plus: Erdgas ist der klimafreundlichste fossile Energieträger - bei der Verbrennung entsteht weniger CO2 als bei Kohle oder Öl. Außerdem halten die Vorräte noch eine Weile: Die Reichweite der Gasvorkommen wird auf rund 60 Jahre geschätzt, bei Öl sind es nur 40 Jahre. Verfeinerte Fördertechniken machen zudem den Zugriff auf große neue Gas-Reservoirs möglich. Ein weiterer Vorteil: Gas kann einen wichtigen Beitrag zur Stromerzeugung leisten. Denn Gaskraftwerke lassen sich schnell hoch- und runterfahren - diese Flexibilität hilft, die Schwankungen beim Windstrom auszugleichen.
Minus: Weltweit verfügen nur wenige Länder über Gasvorkommen. Entsprechend groß sind die Abhängigkeiten - Deutschland bezieht rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Problematisch ist außerdem die noch immer weit verbreitete Bindung an den Ölpreis: Je teurer Erdöl wird, desto teurer wird auch Gas. Stromkonzerne klagen bereits, dass sich Gaskraftwerke kaum mehr rentieren. Private Haushalte kennen dasselbe Problem beim Heizen - Gas ist kaum günstiger als Öl. Auch beim Autofahren stellt Erdgas keine Alternative dar: Der aktuelle Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel liegt nur an der steuerlichen Begünstigung.
Plus: Kohle gibt es fast überall auf der Welt - einseitige Importabhängigkeiten wie beim Gas sind deshalb nicht zu befürchten. Auch Deutschland verfügt über nennenswerte Ressourcen: Braunkohle lässt sich ohne Subventionen fördern, für Steinkohle ist dies bei weiter steigenden Preisen zumindest denkbar. Außerdem reichen die Vorräte so lange wie bei keinem anderen fossilen Energieträger: Schätzungen gehen von rund 200 Jahren aus. Kohle eignet sich vor allem zur Stromerzeugung in der Grundlast - rund 50 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohlekraftwerken.
Minus: Kein Energieträger ist so klimaschädlich wie Kohle. Bei der Verbrennung entsteht rund doppelt so viel CO2 wie bei Gas. Problematisch könnte dies vor allem dann werden, wenn man bestehende Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt - oder wenn Elektroautos künftig in großem Stil Kohlestrom tanken. Bedenklich sind außerdem die Arbeitsbedingungen, unter denen Kohle gefördert wird: Zu den größten Produzenten zählen China, Russland und Südafrika - Länder, in denen immer wieder Bergleute ums Leben kommen.
Plus: Kernkraftwerke produzieren - wenn sie einmal gebaut sind - günstigen Strom. Der Rohstoff Uran wird nur in geringen Mengen verbraucht, so dass die laufenden Betriebskosten gering sind. Atomstrom kann in der Grundlast eingesetzt werden, also unabhängig von kurzfristigen Wetterschwankungen. In Frankreich wird Atomstrom auch zum Heizen verwendet, langfristig könnten so auch Elektroautos betrieben werden. Bei der Kernenergie wird kaum CO2 freigesetzt. Sie ist damit klimafreundlicher als Kohle oder Gas.
Minus: Der größte Nachteil der Atomenergie ist das Risiko eines GAUs. Selbst wenn man dafür eine geringe Wahrscheinlichkeit unterstellt - der Schaden wäre enorm. Die Katastrophe in Tschernobyl war nur ein Vorgeschmack dessen, was im dicht besiedelten Mitteleuropa passieren würde: Tausende Opfer, auf ewig verseuchte Landstriche, Vermögensverluste in zigfacher Milliardenhöhe. Hinzu kommt die ungelöste Frage der Endlagerung: Obwohl die Kernenergie seit rund 50 Jahren genutzt wird, gibt es bis heute keine dauerhafte Deponie für die verstrahlten Abfälle. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager geben kann, ist umstritten: Der Atommüll strahlt zum Teil über 100.000 Jahre lang - was in dieser Zeit alles passiert, kann niemand vorhersagen. In jüngster Zeit wird ein weiteres Problem immer häufiger diskutiert: Was geschieht, wenn Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk verüben? Oder wenn sie in den Besitz von spaltbarem Material gelangen? Sicherheitsexperten haben auf diese Fragen keine abschließende Antwort.
Plus: Die Wasserkraft ist sehr umweltfreundlich - mit geringem Eingriff in die Natur lässt sich günstig Energie gewinnen. Rund fünf Prozent des deutschen Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Außerdem lässt sich in Stauseen sehr gut Energie speichern: Bei einem Überangebot an Strom wird Wasser nach oben gepumpt. Bei Bedarf wird es dann abgelassen, um die Turbinen anzutreiben.
Minus: In Deutschland ist das Potential der Wasserkraft so gut wie ausgeschöpft. Fast jeder Fluss hat ein Kraftwerk, ebenso fast jeder See. Im Ausland wiederum ist die Wasserkraft zum Teil in Verruf geraten: Riesenprojekte wie der Jangtse-Staudamm in China zerstören die Natur in großem Stil.
Plus: Von allen erneuerbaren Energien ist die Windkraft in den vergangenen Jahren am stärksten gewachsen. Mittlerweile beziehen die Deutschen deutlich mehr Strom aus Windrädern als aus Wasserkraftwerken. Auch in Zukunft hat die Branche großes Wachstumspotential - vor allem offshore, also in Windparks auf dem Meer. Ein weiterer Vorteil: Die Windkraft ist verhältnismäßig günstig. Die Betreiber der Anlagen bekommen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz nur wenig mehr Förderung als der Preis für konventionellen Strom an der Energiebörse hoch ist. Zum Vergleich: Solarstrom wird weit höher vergütet.
Minus: Kritiker halten Windräder für eine Verschandelung der Landschaft. Außerdem weht der Wind sehr unzuverlässig: Bei einer starken Brise wird das deutsche Stromnetz überlastet, bei Flaute muss Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden. Praktikable Speicher für Windenergie gibt es bisher nicht. Ein weiterer Nachteil: Starker Wind bläst vor allem in Norddeutschland, die großen Verbrauchszentren liegen aber im Süden und Westen. Um den Strom abzutransportieren, sind zahlreiche neue Leitungen nötig.
Plus: Die Sonne ist nach menschlichen Maßstäben eine ewige Energiequelle, und sie scheint für jeden umsonst. Hätten alle Dächer Deutschlands eine Solaranlage, könnte so ein großer Teil des hiesigen Strombedarfs gedeckt werden - klimaschonend und unabhängig von Importen. Darüber hinaus lässt sich das Sonnenlicht auch zur Warmwasserbereitung nutzen: Mit Solarkollektoren kann man herkömmliche Heizungen ergänzen und so die Energiekosten drücken.
Minus: Die Sonne hat den gleichen Nachteil wie der Wind - ihre Energie lässt sich nicht zu jeder Uhrzeit nutzen. Das größte Problem ist jedoch der Preis: Solarstrom kostet viel mehr als konventioneller Strom. Und trotz milliardenschwerer Subventionen leistet Sonnenenergie bislang nur einen geringen Beitrag zur deutschen Stromversorgung: Schätzungen schwanken zwischen einem um zwei Prozent. Damit die Photovoltaik in Mitteleuropa wettbewerbsfähig wird, müsste es eine technische Revolution geben - oder die Preise für konventionelle Energie müssten dramatisch steigen.
Plus: Holz, Stroh, Mais - beim Verbrennen dieser Stoffe wird nur so viel CO2 freigesetzt, wie die Pflanzen vorher der Atmosphäre entzogen haben. Biomasse lässt sich in vielen Bereichen einsetzen: zum Heizen (beispielsweise mit Holzpellets), zum Autofahren (mit Biodiesel oder Bioethanol) oder zur Stromerzeugung (mit Biogas). Der große Vorteil: Biomasse ist gespeicherte Energie. Man kann also frei entscheiden, wann man sie nutzen möchte - anders als bei Wind- oder Solarkraft. Ein weiterer Pluspunkt: Energiepflanzen, die in Deutschland wachsen, reduzieren die Abhängigkeit von Importen.
Minus: In jüngster Zeit gerät die Bioenergie massiv in die Kritik. Denn die Pflanzen benötigen enorme Anbauflächen - und treten damit in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Gerade bei Biotreibstoffen wird das zum Problem: Lässt es sich moralisch rechtfertigen, dass die Reichen Mais tanken - während die Armen hungern? Hinzu kommt ein gigantisches Mengenproblem: Wollte Deutschland seinen gesamten Benzin- und Dieselbedarf mit Biokraftstoffen decken, wäre dafür eine Fläche nötig, die größer ist als die gesamte Bundesrepublik. Das Gleiche gilt fürs Heizen: Sollten alle Bundesbürger auf Holzpellets umsteigen, würde der deutsche Wald dafür nicht reichen - erneut wären Energie-Importe nötig.
Plus: Die Wärme im Erdinneren steht rund um die Uhr zur Verfügung. Sie lässt sich sowohl zum Heizen als auch zur Stromerzeugung nutzen. Gäbe es keine Probleme mit der Bohrtechnik, könnte die Geothermie den gesamten deutschen Energiebedarf decken.
Minus: In Deutschland muss man Hunderte oder gar Tausende Meter tief bohren, um ein ausreichendes Temperaturniveau zu erreichen. Die Kosten der Geothermie sind deshalb sehr hoch. Mancherorts gibt es außerdem Probleme mit dem Grundwasser. Andere Länder sind hier aus geologischen Gründen in einer besseren Position: Island zum Beispiel deckt seinen Energiebedarf zum Großteil mit der Wärme aus dem Erdinneren.