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04.06.2010
 

RWE Innogy

Keine Windenergie ohne Kernenergie

Von Helmut Reich

Offshore-Windpark vor Großbritannien: RWE, Siemens und die Stadtwerke München haben gemeinsam mehr als zwei Milliarden Euro in ein solches Projekt investiert
AFP

Offshore-Windpark vor Großbritannien: RWE, Siemens und die Stadtwerke München haben gemeinsam mehr als zwei Milliarden Euro in ein solches Projekt investiert

Deutschlands Energieriesen müssen erneuerbare Energien fördern, zugleich aber ihr teils lukratives Altgeschäft verteidigen. In diesem Konflikt steckt auch RWE-Innogy-Chef Fritz Vahrenholt - und macht nach einer Zwei-Milliarden-Euro-Investition in einen Windpark eine verblüffende Rechnung auf.

Hamburg - Es ist nicht einfach mit der Energiewirtschaft. Die Materie ist kompliziert, die Meinungen zu den verschiedenen Stromquellen gehen weit auseinander und Politiker setzten öfter als in anderen Branchen die Rahmenbedingungen fest. Mittendrin steckt seit vielen Jahren Fritz Vahrenholt. Der Chemieprofessor war in seiner langen Karriere bereits Umweltsenator in Hamburg, Vorstandsmitglieder der Deutschen Shell und Chef des Windanlagenherstellers Repower Systems.

Seit 2008 verantwortet Vahrenholt nun die Geschäfte der RWE Innogy, dem grünen Gewissen des Essener Kern- und Kohlekraftkonzerns. Dort kümmert er sich um den Ausbau der erneuerbaren Energien in dem zu diesem Zweck gegründeten Tochterunternehmen. Dieses setzt seine Schwerpunkte vor allem auf die Windkraft und damit auf Vahrenholts bei Repower erworbene Kernkompetenz.

Vor dem Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten stellte dieser nun sein bisher größtes Projekt in Sachen Kohlendioxid-Vermeidung vor: Den Bau des Offshore-Windparks mit dem walisischen Namen "Gwynt y Môr", was so viel wie "Wind im Meer" bedeutet. In vier Jahren soll der Park vor der Küste Nordwales mit 160 Windkraftanlagen fertig gestellt sein. Mehr als zwei Milliarden Euro hat RWE Innogy zusammen mit den Stadtwerken München und Siemens in dieses Projekt investiert.

"Jährlich 1,7 Millionen Tonnen Kohlendioxid sparen wir damit im Vergleich zur Stromerzeugung aus Kohlekraftwerken ein", sagt Vahrenholt. Etwa 400.000 britische Haushalte können so in Zukunft mit einem ökologisch besseren Gewissen Strom verbrauchen. Doch warum profitiert ausgerechnet Großbritannien von diesem Joint Venture deutscher Unternehmen? "Die Briten brauchen den Strom, die Angst vor einer Abhängigkeit von russischem Gas ist auf der Insel besonders hoch", berichtet Vahrenholt. Der Standort sei zudem ideal gewählt, da die irische See nicht ganz so windstark wie die Nordsee sei und über flachere Gewässer verfüge.

Fritz Vahrenholt: "Das größte Investitionsvolumen aller Marktteilnehmer."

In Deutschland dagegen stammt bislang nur ein Bruchteil des von RWE angebotenen Stroms aus erneuerbaren Energien. Doch gegen den Ruf des "Greenwashing" wehrt sich Vahrenholt: "Unter dem Strich haben wir das größte Investitionsvolumen aller Marktteilnehmer." Eine Entwicklung, die noch recht jung ist und erst durch den neuen Vorstandschef Jürgen Großmann vorangetrieben wurde. "Zuvor war RWE nicht gerade als Fackelträger für erneuerbare Energien bekannt", gibt Vahrenholt zu.

Doch nun stehen ihm jedes Jahr eine Milliarde Euro an Investitionskapital zur Verfügung. Von der in der Bevölkerung besonders beliebten Photovoltaik hält Vahrenholt allerdings nicht viel. Die Erneuerbare-Energien-Gesetz-Umlage gleicht seiner Ansicht nach einer milliardenschweren sozialen Umverteilung: "Das Geld für die Umwandlung von Sonnenenergie wandert von den Bewohnern der Mietshäuser hin zu den Hausbesitzern, und zwar vornehmlich denen in Süddeutschland." Eigentlich sei das ein klassisches FDP-Programm, spottet Vahrenholt.

Im Gegensatz dazu habe sich die Windkraft von allen erneuerbaren Energien als am effizientesten ausgezeichnet. "Trotzdem benötigen wir auch die Kernkraft", sagt Vahrenholt, "um die starken Schwankungen beim Wind auszugleichen, solange es keine Lösung in der Stromspeicherproblematik gibt." In diesem Zusammenhang geißelt das langjährige SPD-Mitglied die Politik. "Selbst ehemalige Bundesumweltminister verbreiten in der Öffentlichkeit, dass Kernenergie nur schlecht regelbar sei. Entweder ist das Unwissenheit oder eine bewusste Falschaussage", wird Vahrenholt emotional.

Er habe das allerdings auch erst aus den Vorlesungsunterlagen seines Sohnes erfahren, gibt Vahrenholt zu. Auf die Frage, warum die Energiekonzerne selbst diesen Vorteil nicht offensiver kommuniziert haben, antwortet er, dass es zumindest bei RWE vor der Großmann-Zeit doch erhebliche Kommunikationsdefizite gab. "Sicher ist jedoch, dass Kernenergie am besten und schnellsten geregelt werden kann", sagt Vahrenholt und schlussfolgert: "Ohne Kernenergie gibt es keine Windenergie." Ein Satz, der das ganze Dilemma eines ökologisch denkenden Mannes in einem ökonomisch agierenden Konzern offenbart.

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