Freitag, 10. Februar 2012, 04:26 Uhr

manager magazin



23.04.2010
 

Korruption

"Saubere Geschäfte sind mühseliger"

Von Dietmar Student

Bundesweit rüsten Staatsanwaltschaften auf, Polizeibehörden ziehen mit - und nehmen Deutschlands Manager stärker ins Visier. Starjuristin Hildegard Becker-Toussaint spricht mit manager magazin über heikle Geschäfte in bestechungsanfälligen Staaten und darüber, warum Manager die Macht der Justiz unterschätzen.

mm: Frau Becker-Toussaint, im aktuellen Heft analysiert Manager Magazin in einer großen Enthüllungsgeschichte den Fall Ferrostaal, einen Korruptionsskandal, der nach Ansicht von Experten den Fall Siemens Chart zeigen noch in den Schatten stellen könnte. Täuscht der Eindruck, oder sind Deutschlands Manager krimineller als früher?

Unter Druck: Korruptionsskandal beim Anlagenspezialisten Ferrostaal
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DPA

Unter Druck: Korruptionsskandal beim Anlagenspezialisten Ferrostaal

Becker-Toussaint: Nein, das glaube ich nicht. Es gibt mehrere Effekte, die zu einer offenkundigen Häufung solcher Skandale führen.

mm: Wir hören.

Becker-Toussaint: Bundesweit haben die Staatsanwalte ihre Wirtschaftsabteilungen aufgerüstet. Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen haben bereits Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften. In Frankfurt am Main entsteht gerade eine eigene Wirtschaftsstaatsanwaltschaft; die Koalitionsvereinbarung zwischen CDU und FDP, die eine stärkere Verfolgung der Wirtschaftskriminalität vorsieht, wird auf diese Weise umgesetzt. Und wenn die Staatsanwaltschaften aufrüsten, ziehen die Polizeibehörden mit. Dieser verstärkte Verfolgungsdruck führt zu mehr Fällen und mehr Presseöffentlichkeit.

mm: Welche Rolle spielt das stärkere Anzeigeverhalten?

Becker-Toussaint: In schlechteren wirtschaftlichen Zeiten kämpfen Konkurrenten heftiger und erstatten schon mal eher anonym Anzeige. Oder frustrierte Firmenangehörige, die rausgeflogen sind, wollen sich am Ex-Chef rächen. Und, das ist eine neue Entwicklung: Viele Anwälte haben die Anzeigeerstattung als ökonomisch relevantes Betätigungsfeld entdeckt und sich darauf spezialisiert. So kann man unter Umständen später zivilrechtlich zu Geld kommen. Und staatsanwaltschaftliche Ermittlungen kosten ja nichts. Da entsteht eine Art Berufsklägertum.

Hildegard Becker-Toussaint war Oberstaatsanwältin in Frankfurt am Main. Seit 10. März führt sie das Frankfurter Büro der Prevent AG, einer Beratungsagentur zur Vermeidung von Wirtschaftskriminalität.
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Hildegard Becker-Toussaint war Oberstaatsanwältin in Frankfurt am Main. Seit 10. März führt sie das Frankfurter Büro der Prevent AG, einer Beratungsagentur zur Vermeidung von Wirtschaftskriminalität.

mm: Der bekannte Strafverteidiger Hanns Feigen nennt dieses Phänomen im Interview mit Manager Magazin die "neue Lust am Strafrecht".

Becker-Toussaint: Da hat er zweifellos Recht. Hinzu kommt die so genannte political correctness, die aus den USA zu uns herüber schwappt. Auf dieser Welle schwimmen dann alle mit.

mm: Wie können sich Unternehmen prophylaktisch gegen Wirtschaftskriminalität schützen?

Becker-Toussaint: Am Anfang steht eine umfassende Risikoanalyse. Wenn man das Gefühl hat, in meiner Firma könnten Gelder verschwinden, muss man schauen, wo könnte ein Einfallstor für Korruption sein. Ein Bierverlag zum Beispiel sollte, aufgrund allgemeiner kriminalistischer Erkenntnisse, wissen, dass viele Wirte dazu bewogen werden, ein bestimmtes Bier zu verkaufen, indem man ihnen kick-backs gibt. Die Unternehmen müssen also ständig überprüfen, welche Bereiche aufgrund des spezifischen Geschäftsmodells besonders bestechungsanfällig sind. Und wo können Leute autonom über Geld verfügen, ohne, etwa durch ein Vier-Augen-Prinzip, kontrolliert zu werden.

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