Von Dietmar Student
mm: Frau Becker-Toussaint, im aktuellen Heft analysiert Manager Magazin in einer großen Enthüllungsgeschichte den Fall Ferrostaal, einen Korruptionsskandal, der nach Ansicht von Experten den Fall Siemens
noch in den Schatten stellen könnte. Täuscht der Eindruck, oder sind Deutschlands Manager krimineller als früher?
Becker-Toussaint: Nein, das glaube ich nicht. Es gibt mehrere Effekte, die zu einer offenkundigen Häufung solcher Skandale führen.
mm: Wir hören.
Becker-Toussaint: Bundesweit haben die Staatsanwalte ihre Wirtschaftsabteilungen aufgerüstet. Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen haben bereits Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften. In Frankfurt am Main entsteht gerade eine eigene Wirtschaftsstaatsanwaltschaft; die Koalitionsvereinbarung zwischen CDU und FDP, die eine stärkere Verfolgung der Wirtschaftskriminalität vorsieht, wird auf diese Weise umgesetzt. Und wenn die Staatsanwaltschaften aufrüsten, ziehen die Polizeibehörden mit. Dieser verstärkte Verfolgungsdruck führt zu mehr Fällen und mehr Presseöffentlichkeit.
mm: Welche Rolle spielt das stärkere Anzeigeverhalten?
Becker-Toussaint: In schlechteren wirtschaftlichen Zeiten kämpfen Konkurrenten heftiger und erstatten schon mal eher anonym Anzeige. Oder frustrierte Firmenangehörige, die rausgeflogen sind, wollen sich am Ex-Chef rächen. Und, das ist eine neue Entwicklung: Viele Anwälte haben die Anzeigeerstattung als ökonomisch relevantes Betätigungsfeld entdeckt und sich darauf spezialisiert. So kann man unter Umständen später zivilrechtlich zu Geld kommen. Und staatsanwaltschaftliche Ermittlungen kosten ja nichts. Da entsteht eine Art Berufsklägertum.
mm: Der bekannte Strafverteidiger Hanns Feigen nennt dieses Phänomen im Interview mit Manager Magazin die "neue Lust am Strafrecht".
Becker-Toussaint: Da hat er zweifellos Recht. Hinzu kommt die so genannte political correctness, die aus den USA zu uns herüber schwappt. Auf dieser Welle schwimmen dann alle mit.
mm: Wie können sich Unternehmen prophylaktisch gegen Wirtschaftskriminalität schützen?
Becker-Toussaint: Am Anfang steht eine umfassende Risikoanalyse. Wenn man das Gefühl hat, in meiner Firma könnten Gelder verschwinden, muss man schauen, wo könnte ein Einfallstor für Korruption sein. Ein Bierverlag zum Beispiel sollte, aufgrund allgemeiner kriminalistischer Erkenntnisse, wissen, dass viele Wirte dazu bewogen werden, ein bestimmtes Bier zu verkaufen, indem man ihnen kick-backs gibt. Die Unternehmen müssen also ständig überprüfen, welche Bereiche aufgrund des spezifischen Geschäftsmodells besonders bestechungsanfällig sind. Und wo können Leute autonom über Geld verfügen, ohne, etwa durch ein Vier-Augen-Prinzip, kontrolliert zu werden.
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