Von Henrik Müller
Inflation ist nicht Sicht, sagen die Notenbanker. Inflation wird es nicht geben, versprechen die Politiker. Inflation bringt nichts, verkünden die meisten Ökonomen.
Es ist dieser Dreiklang, der derzeit die Bürger einlullen soll: Weil die Krise noch nicht überwunden sei und die Arbeitslosigkeit hoch ist, drohe keine Überhitzung der westlichen Volkswirtschaften. Weil die Inflationsraten seit langem niedrig seien, könne man den erprobten staatlichen Institutionen ruhig vertrauen. Weil Inflation überhaupt schädlich für die Wirtschaft sei, sei es unsinnig und irrational, die Preissteigerung aus dem Ruder laufen zu lassen.
Die Argumente mögen überzeugend klingen, aber sie sind es nicht.
Gerade in einem Umfeld schwachen Wachstums erreicht die Wirtschaft leichter die Überhitzungsschwelle. Ob die Notenbanken entschlossen gegensteuern können, ist höchst fraglich, zumal die Staatsverschuldung dramatisch hoch ist und auf Jahre weiter steigen dürfte. Höhere Inflationsraten könnten helfen, fiskalischen Spielraum zurückzugewinnen. In meinem neuen Buch habe ich diesen Zusammenhang eingehend analysiert, nun haben ihn zwei deutsche Ökonomen, Karsten Junius und Kristian Tödtmann von der Dekabank, durchgerechnet.
Das Ergebnis lautet, kurz gesagt: Inflation lohnt sich - für den Staat jedenfalls. Und im Zweifel ist mehr Inflation wirkungsvoller als weniger.
Junius und Tödtmann gehen von einem Szenario aus, wie es sich derzeit für eine typische westeuropäische Volkswirtschaft darstellt. Der Schuldenstand liegt bei 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Wirtschaft wächst trendmäßig mit 1,5 Prozent jährlich. In der Ausgangssituation herrscht eine Inflationsrate von 2 Prozent. Die beiden Ökonomen nehmen sogar an, die Staatsfinanzen seien insoweit konsolidiert, dass der Schuldenstand in Relation zum BIP (Verschuldungsquote) nicht weiter wächst - die untersuchte Modellökonomie steht also besser da als die allermeisten westlichen Länder derzeit.
Steigt die Inflationsrate unter diesen Umständen auf 4 Prozent - jener Zielwert, den der Internationale Währungsfonds kürzlich ins Spiel brachte -, fällt die Verschuldungsquote nur um einige Prozentpunkte. Keine nennenswerte Haushaltsentlastung.
6 Prozent Inflation, wie der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff vorschlägt, würden einen temporären Rückgang der Verschuldungsquote um 10 Prozentpunkte bringen. Nicht schlecht, aber keine dauerhafte Hilfe. Denn bei einer Rückführung der Inflation zur 2-Prozent-Norm, wie es Rogoff vorschwebt, steigt die Verschuldung wieder an, womöglich sogar über den Ursprungswert von 80 Prozent hinaus. Der zusätzliche Bewegungsspielraum würde durch eine langfristige Verschlechterung erkauft. Ein schlechtes Geschäft.
Aber wenn man aber schon mal dabei ist, ganz neu über Geldpolitik nachzudenken, warum dann nicht gleich 10 Prozent Geldentwertung wagen? Nach den Deka-Berechnungen würde das wirklich etwa bringen: Binnen weniger Jahre würde die Schuldenquote auf 60 Prozent sinken, danach womöglich noch weiter. Ein spürbarer, dauerhafter Effekt.
Die Ergebnisse werden umstritten sein. Die Autoren selbst warnen davor, einen inflationären Kurs einzuschlagen, weil Raten jenseits von 5 Prozent das Wachstum dämpfen (in den Berechnungen nicht berücksichtigt) und entsprechend weniger beim Schuldenabbau hülfen. Das sei "ein zentrales Resultat" der empirischen Wirtschaftsforschung.
Aber werden sich Politiker, die finanziell mit dem Rücken zur Wand stehen, davon beeindrucken lassen? Heißt das nicht, bis zu 5 Prozent Inflation wären okay?
Wohlgemerkt: 5 Prozent Inflation wäre dreimal so viel, wie die Deutschen seit Beginn der Währungsunion gewöhnt sind. Auch 5 Prozent Inflation würden die Bundesbürger verunsichern und das ohnehin ausgeprägte Misstrauen in die staatlichen Institutionen verschlimmern. Die Gemeinschaftswährung Euro käme unter verstärkten Legitimitätsdruck.
Der "Sprengsatz Inflation" ist gezündet. Die Frage ist nur noch, wie laut der Knall wird.
Der Bund steht mit 1805 Milliarden Euro in der Kreide. Wenn in jedem Jahr 60 Mrd. zurückgezahlt werden würden, dauert das etwa 30 Jahre. Wenn keine Zinsen gezahlt werden müssten. Da Zinsen zu zahlen sind, dauert es 50 Jahre. Es [...] mehr...
Endlich mal ein Autor, der sich traut die Sache klar auf den Punkt zu bringen. Ohne wenn und aber. Vielen Dank dafür. mehr...
Inflation wird so nicht funktionieren, dazu 2 lesenswerte links http://www.nakedcapitalism.com/2009/05/is-bond-hangover-cure-of-inflation.html http://www.debtdeflation.com/blogs/2009/01/31/therovingcavaliersofcredit/ das [...] mehr...
Wenn die Inflation wirklich auf 5 + X steigt werden die Investoren auch eine Rendite von 5 +X plus Extra verlangen. All die Zeichner der angeblich so sicheren Staatsanleihen, werden damit zu den Verlierer der Politik. => Daher [...] mehr...
Lieb gedacht. Aber denken Sie Ihre Ansicht bitte zu Ende: Wie und womit sollen Staaten, die allesamt verschuldet sind bis zur Halskrause (wie Gardeoffiziere, sagte man früher mal; aber deren Verschuldung hatte harmlosere und [...] mehr...
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