Ein Gastbeitrag von Hans-Peter Burghof
Mehr Verständnis für die Spekulanten erwächst daraus kaum. Denn oft ziehen wir den Kürzeren, und wer mag uns da aufs Kreuz gelegt haben? Richtig - die Spekulanten. Die Lebenslüge ist hier der Glaube, dass wir etwas von der Börse und den sie bewegenden Kräften verstünden, obwohl wir eigentlich Neurologe, Ornithologe oder Kriminologe sind. Wir hassen die Spekulanten, denn die haben nun unser Geld.
Ein besonders verhasster Spekulant ist der Leerverkäufer. Er verkauft, was er gar nicht besitzt, weil er darauf wettet, dass es später weniger wert ist. Für Unternehmen, deren Aktien er leerverkauft, ist dies eine Beleidigung. Das gleiche gilt für Staaten, mit deren Anleihen er handelt. Der Grund ist klar - denn der Leerverkauf macht eines deutlich: Es gibt Menschen, die das, was ein Unternehmen oder ein Staat tut, nicht so gut finden, die sogar Geld darauf verwetten, dass es schiefgeht.
Der Leerverkauf ist so etwas wie Majestätsbeleidigung. Aber ist das schlimm? Funktionierende Märkte sind nun mal nicht monarchisch, sondern demokratisch. Jeder kann meinen, was er will, und er kann danach handeln. Schließlich trägt jeder das Risiko seines Handelns selbst. Auch der Spekulant.
Spekulation soll gefährlich sein? Ja, aber das gilt zunächst einmal für den Spekulanten selbst. Er wettet schließlich mit seinem Geld - und kann auch verlieren, solange die Märkte nicht durch Fehlinformationen manipuliert werden. Darüber hinaus jedoch ist Spekulation vor allem für eine Gruppe gefährlich: Die Mächtigen, die sich nicht bei ihren Geschäften stören lassen wollen.
Kein Wunder, dass Europas Regierungen die Spekulation verbieten wollen. Für uns Bürger ist das kein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass noch einiges im Argen liegt, und dass die Politiker die Wahrheit, die ihnen die Märkte sagen, auf keinen Fall hören möchten. Der Spekulant hat den Mund zu halten, damit uns nichts beunruhigt.
Würden die Spekulanten diesem Schweigegebot folgen, könnte die Politik Zeit gewinnen. Aber so löst man keine Probleme. Im Gegenteil: Es besteht die Gefahr, dass die Regierungen keine Notwendigkeit mehr sehen, vor dem nächsten Wahltermin die erforderlichen, meist unbequemen Maßnahmen zu ergreifen.
Ohne Spekulation herrscht der alte Schlendrian. Und irgendwann ist es dann zu spät zum Umsteuern.
Hans-Peter Burghof ist Leiter des Instituts für Bankenwirtschaft und Finanzdienstleistungen an der Universität Hohenheim. Burghof absolvierte eine Lehre bei einer Sparkasse und studierte anschließend Volkswirtschaft in Bonn. Nach Promotion und Habilitation in München arbeitete er zunächst an der Uni Mainz, bevor er 2003 als Professor nach Hohenheim berufen wurde.
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