Von Henrik Müller
Hat uns irgendjemand gesagt, dass wir für Griechenland und Konsorten zahlen müssen? Können wir Steuerbürger uns nicht wehren? Müssen wir sparsamen Deutschen tatsächlich zusehen, wie unsere sauer verdienten Euros in einem Fass ohne Boden verschwinden?
So schimpft der Stammtisch. Und er hat recht - viel zu lange haben die Regierenden die Bundesbürger darüber im Unklaren gelassen, was es wirklich bedeutet, eine Währungsunion einzugehen. Aber zugleich liegt der Stammtisch natürlich völlig falsch: Selbstverständlich müssen wir für Griechenland und andere Länder zahlen. Es geht gar nicht anders. Letztlich können wir nur so unser Geld vor politischen Übergriffen schützen.
Eins nach dem anderen.
Politisch steckt das Euro-Land - insbesondere der vormalige "D-Mark-Block" um Deutschland, Frankreich und Benelux - in der Klemme. Die zugesagten Nothilfen für Griechenland sind genauso unpopulär wie der geplante Europäische Währungsfonds.
Denn wir denken und fühlen nicht europäisch.
Die Euro-Gründungsväter hatten sich das anders vorgestellt. Quasi automatisch, so die damalige Überzeugung, werde das gemeinsame Geld eine Europäisierung des Bewusstseins bewirken. Die Nationen, das war gute christdemokratische Nachkriegsideologie, würden allmählich verblassen. Nach und nach würde ein europäischer Bundesstaat entstehen, der immer mehr Aufgaben an sich zöge.
Wäre diese Vision in Erfüllung gegangen, hätten wir längst einen Europäischen Währungsfonds - und noch viel weitergehende Umverteilungsinstrumente.
Tatsächlich aber passierte das Gegenteil: Statt einer Europäisierung kam es zu einer Renationalisierung der Politik. In Deutschland sorgte die Wiedervereinigung für einen Rückbezug aufs eigene Land. In anderen Staaten war die Wiederentdeckung der Nation noch ausgeprägter: Dass 2005 in den europäischen Kernlanden Frankreich und Niederlande das Volk gegen die EU-Verfassung stimmte, war eine Warnung - die aber die Politiker hartnäckig ignorierten. Die Regierungen ließen die Renationalisierung geschehen. Populismus breitete sich aus. Überall in Europa. Paneuropäische Anführer vom Schlage Jacques Delors oder Helmut Kohls sucht man heute in der EU vergebens.
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