Von Karsten Stumm
Ruhrgas bekommt plötzlich heftigen Gegenwind von Konkurrenten, die gar nicht auf die Pipelines des Unternehmens angewiesen sind. Das Angebot an verflüssigtem Erdgas (LNG) ist stark gestiegen - und drückt jetzt zusätzlich auf die Preise. So hat beispielsweise der Anteil des Flüssiggases am gesamten Spotmarkt-Gasangebot an dem zentralen Handelsplatz in Großbritannien allein am 9. Januar dieses Jahres mehr als 14 Prozent betragen; das war nach Angaben des Analysecenters eines skandinavischen Energieunternehmens auch noch jener Tag, an dem im laufenden Winter die höchsten Preise für Gaslieferungen erzielt worden sind. Entsprechend schlecht läuft das Geschäft für Ruhrgas.
Längst schon schwante Eon-Chef Bernotat, dass er seine ehrgeizige Tochter Ruhrgas früher hätte umbauen müssen. Dass er viel früher aus Exploration und Produktion sowie aus dem Gasspeichergeschäft hätte setzen lassen müssen. Doch Ruhrgas-Chef Reutersberg hat innerhalb des Eon-Konzerns einfach eine starke Stellung. Zu gut sind seine Kontakte in Berlin, als dass er leicht zu überstimmen gewesen wäre. Schließlich wurde Ruhrgas erst durch eine Ministererlaubnis Teil des Eon-Konzerns. Immerhin, ein anderer Fehlschlag Bernotats hat sich im Nachhinein sogar zum Vorteil gewendet.
Bernotat hatte sich eigentlich noch viel Größeres mit seiner Eon vorgenommen. Durch die Übernahme des spanischen Versorgers Endesa
sollte das Düsseldorfer Unternehmen auf einen Schlag zum paneuropäischen Stromanbieter ausgebaut werden. Doch Bernotat verhedderte sich: Zu kräftig war der Widerstand, den sich Spaniens Ministerpräsident José Zapatero gegen die Übernahme aus Deutschland lieferte. Bernotat gab auf - und sich mit einem zehn Milliarden Zukauf aus dem einstigen Endesa-Imperium zufrieden. Zum Glück für Eon.
Der Kauf des gesamten spanischen Konkurrenten hätte Eons Schulden sagenhaft in die Höhe getrieben. Und das ausgerechnet kurz vor dem Ausbruch der Finanzkrise. "Wäre Eon in dieser Phase nicht an neue Kredite gekommen, hätte sogar der Bestand des Unternehmens gefährdet sein können", sagt Sven Diermeier, Eon-Experte des Analysehauses Independent Research. Stattdessen kann Bernotat heute, am Tag seines letzten Rechenschaftsberichts für Eon, seinem Nachfolger Johannes Teyssen nahezu Entwarnung geben.
Der scheidende Konzernchef hat den Verkauf von Beteiligungen im Umfang von 10 Milliarden Euro bis Ende 2010 angekündigt, um die Schuldenlast von zwischenzeitlich auf 46,1 Milliarden Euro zu senken. So erwarb der niederländische Netzbetreiber Tennet das Hochspannungsnetz des Düsseldorfer Energieriesen für rund eine Milliarde Euro. In Deutschland etwa verkaufte Eon im vergangenen Jahr seine Stadtwerketochter Thüga
für 2,9 Milliarden Euro; Thüga versorgt etwa 3,5 Millionen Strom- und 2,9 Millionen Gaskunden. Und jetzt hat der größte deutsche Energiekonzern offenbar die Investmentbank Goldman Sachs
beauftragt, Käufer für seine amerikanische Tochter Eon US zu suchen. Geschätzter Wert: etwa 5 Milliarden Euro.
"Dass Eon jetzt vergleichsweise stabil ist und Milliardengewinne erzielt, die heute nur unwesentlich unter den Markterwartungen gelegen haben, könnte man auch als Gnade des frühen Scheiterns bezeichnen", sagte Nomura-Analyst Martin Young.
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