Von Arvid Kaiser und Kai Lange
Die Deutschen müssten den Gürtel weiter schnallen und sich Jahr um Jahr deutlich höhere Löhne gönnen, um dem Euro und den anderen Mitgliedsstaaten eine Chance zu geben, fordert Flassbeck. 5 Prozent mehr Lohn jährlich bis 2025, so seine Kalkulation, würden bei einer jährlichen Teuerung von 2 Prozent gerade reichen, damit andere Länder die Lücke schließen könnten - und bis zu diesem Zeitpunkt würde Deutschland immer noch Marktanteile hinzugewinnen.
Mit der Forderung, den Jahren deutscher Bescheidenheit eine fünfzehn Jahre lange Phase deutscher Hochlohnpolitik folgen zu lassen, steht Flassbeck noch alleine da. "Ein Weg zu einer ausgeglicheneren Leistungsbilanz ist ein höherer Konsum", räumt zwar auch Deutsche-Bank-Ökonom Heinen ein. Aus seiner Sicht sollten dafür aber nicht unbedingt die Löhne steigen.
"Ein anderer Weg wäre eine Steuerstrukturreform, die den Bürgern wieder mehr Geld in die Hand gibt", sagt Heinen. Grundsätzlich müsse der Prozess, "den Abstand zwischen den Volkswirtschaften wieder zu verkleinern, auf einem Aufholen der Nachzügler basieren". Die schwachen Länder müssten also ihre Löhne und Preise drastisch senken und zugleich Strukturreformen anstoßen, um langfristig mithalten zu können. Die Europäische Kommission müsse diesen Prozess überwachen und Nachlässigkeit bestrafen.
Globaler Wettbewerb: "Höhere Löhne zahlen sich nicht aus"
Das bedeute einige Jahre Deflation in Euro-Ländern wie Spanien, Irland oder Griechenland. Die griechischen Löhne beispielsweise müssten um 25 Prozent sinken - allein, um wieder die Ausgangsposition zum Euro-Beitritt zu erreichen. "Die Anpassung ist zu schaffen", beharrt Heinen.
Auch Stefan Schilbe, Chefvolkswirt von HSBC Trinkaus, sieht den Ausweg nur in einem rigiden Sparkurs der Defizitländer. "Wir werden die Probleme innerhalb der Eurozone nicht über eine fehlerhafte, freigiebige Lohnpolitik in Deutschland lösen", sagt Schilbe.
Deutschland und die EU seien nicht durch Zollmauern vom Weltmarkt abgeschottet, sondern stünden im globalen Wettbewerb: "Lohnsteigerungen würden sich nicht auszahlen, weil Arbeitsplätze dann noch rascher nach Asien verlagert werden. Und dann bricht der Konsum hierzulande erst richtig weg."
Bereits jetzt seien zahlreiche Schlüsselbranchen in Deutschland durch rasante Fortschritte günstiger Konkurrenten aus Fernost bedroht. "Die einzige Chance, wettbewerbsfähig zu bleiben und damit Jobs im Land zu halten, sind technologischer Vorsprung und Lohnstückkosten, die im globalen Wettbewerb bestehen", sagt Schilbe.
Zu dieser Wettbewerbsfähigkeit und höherer Produktivität müssten auch Länder wie Spanien oder Griechenland zurückfinden, die jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt hätten. "Wir helfen Griechenland und Spanien nicht mit höheren Löhnen in Deutschland", so der Ökonom von HSBC.
© manager magazin online 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH