Von Arvid Kaiser und Kai Lange
Hamburg - Von einem harten Sparkurs ist die Rede, einer schmerzhaften Rosskur. Nur durch eisernes Sparen und Lohnverzicht könne Griechenland den Staatsbankrott abwenden und seine Finanzen in den Griff bekommen. Der Weg werde steinig und schwer, führe aber zum Erfolg.
Vorbilder für den griechischen Patienten sind schnell bei der Hand. Die Iren zum Beispiel, die im vergangenen Jahr drastische Lohneinbußen hingenommen haben. Und die Deutschen, deren Reallöhne in den vergangenen zehn Jahren gesunken sind, weil sich die Tarifpartner auf maßvolle Lohnabschlüsse geeinigt haben.
Genau diesen Kurs setzen die Deutschen jetzt fort, mit einem Miniplus in der Metallindustrie, mit angekündigten Sozialreformen, einer erregten Diskussion um den Sozialstaat und mit einer Schuldenbremse, die die öffentlichen Finanzen ab 2011 in einen Schraubstock zwingt.
Diese deutsche Bescheidenheit ist für eine wachsende Zahl von EU-Staaten aber nicht die Lösung, sondern das Problem.
"Haben kein Problem mit Griechenland, sondern mit Deutschland"
"Wir haben kein Griechenlandproblem, sondern ein Deutschlandproblem", sagt Heiner Flassbeck, Chefökonom bei der UN-Organisation für Handel und Entwicklung (Unctad) in Genf. Sein Vorwurf: Durch systematisches Lohndumping grabe Deutschland den anderen EU-Staaten Marktanteile ab. Als einzige große Volkswirtschaft der Währungsunion habe die Bundesrepublik ihren globalen Marktanteil zwischen 2000 und 2010 stabilisiert, während die anderen dramatisch verloren haben.
Die Haushaltsdefizite der Südländer, so sieht es auch Nicolaus Heinen von der Deutschen Bank, "gehen auch auf das Konto geringerer Wachstumsperspektiven, die eine Folge mangelnder Wettbewerbsfähigkeit sind". Die Schuldenprobleme seien Folge eines größeren Defizits in der Leistungsbilanz.
Die Europäische Währungsunion wächst nicht zusammen, sondern driftet auseinander. Während die Lohnstückkosten der deutschen Industrie seit der Einführung des Euro um 14 Prozent gesunken sind, blieben sie in Griechenland (das zwei Jahre später in die Währungsunion startete) gleich. In Portugal stiegen sie um 5 Prozent, in Spanien um 28 und in Italien gar um 46 Prozent.
Unterschiedliche Inflationsraten verstärken diesen Effekt. Nach Heinens Analyse sank der reale effektive Wechselkurs im vergangenen Jahrzehnt nur für Deutschland und Österreich, während "insbesondere Irland, Italien, Portugal und Spanien an Preiswettbewerbsfähigkeit verloren haben".
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