Entscheidend für die Frage nach dem Lohnabstand sind die Einkommen am unteren Rand der Skala. Der Niedriglohnsektor in Deutschland wächst seit geraumer Zeit, nicht erst seit Hartz IV, sondern besonders auffällig seit Mitte der 90er Jahre. Zwischen 1995 und 2006 fielen die Löhne im unteren Viertel des Einkommensspektrums um rund 14 Prozent, während die übrigen Gruppen immerhin leichte Reallohngewinne einstreichen konnten.
"Der Wendepunkt war die deutsche Einheit", erklärt Bosch. Haben sich davor de facto alle Arbeitgeber an geltende Tariflöhne gehalten, scheren seither immer mehr von ihnen aus. Nach dem Zusammenbruch der DDR-Industrie schnellte die Arbeitslosigkeit nach oben. Das baute den Druck für Entwicklungen auf, die vorher kaum durchsetzbar gewesen wären. So traten viele Betriebe im Osten erst gar nicht den Arbeitgeberverbänden bei und unterliefen die Tarifbindung.
Dazu kam die Privatisierung von Post und Telekom. In den Branchen gab es plötzlich Wettbewerber, die ganz andere - nämlich niedrigere - Löhne zahlten als vorher Vater Staat. Die privatisierten Konzerne versuchten sich diesem Druck anzupassen, indem sie viele Aufgaben in tariffreie Betriebe auslagerten. Ein Modell, das auch in anderen Branchen zunehmend beliebter wurde.
Doch welche Rolle spielt Hartz in dieser Entwicklung? "In früheren Aufschwungphasen war stets zu beobachten, dass der Anteil der Niedriglöhner abnimmt", so Bosch. Das erklärt sich schlicht mit Marktgesetzen: Die Nachfrage nach Arbeitskräften stieg und damit der Preis ihrer Arbeit. Anders im Boom der Jahre 2004 bis 2008. Der Niedriglohnsektor wuchs weiter, von 20,1 Prozent 2004 auf 21,5 Prozent 2007.
Inzwischen, 2005, war mit den Hartz-Gesetzen der Druck auf Arbeitslose erhöht worden; die liberalisierte Leiharbeit erlaubte weitere Ausgliederungen und die Förderung von Minijobs senkte weiter die Preise für einfache Arbeit. Leistung lohnte sich für Geringverdiener immer weniger.
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