Von Henrik Müller
Diese neun Faktoren treiben künftig die offene Inflation. Und leider wird es eine simple Rückkehr zu vorinflationären Zeiten nicht geben. Denn machen wir uns nichts vor: Die niedrigen - offiziellen - Inflationsraten der vergangenen zwei Jahrzehnte verdankt die Welt weniger der Genialität und der Unbeugsamkeit der Notenbanken, sondern vor allem sehr vorteilhaften historischen Umständen.
Eine günstige Demografie sorgte in den hoch entwickelten Ländern für ein breites Angebot an Arbeitskräften; die Lasten der Alterung waren noch kaum spürbar. Zugleich sorgte die Öffnung der Märkte weltweit für einen Angebotsschock, der die Steigerungsraten bei Preisen und Löhnen dämpfte.
Dazu kamen als dritte Komponente niedrige Energie- und sonstige Rohstoffpreise, die die Preisentwicklung beruhigten. Die Globalisierung nahm ihren Lauf, aber die Newcomer der Weltwirtschaft - die großen Schwellenländer - waren noch nicht so hoch entwickelt, als dass sie die Erde an den Rand ihrer Entwicklungskapazitäten hätten bringen können.
Aber diese Phase ist vorbei: China, Indien, Russland, Brasilien und andere bevölkerungsreiche Nationen haben inzwischen einen so hohen Entwicklungsstand erreicht, dass die Welt an den Rand ihrer Produktionskapazitäten bei natürlichen Ressourcen - bei Rohstoffen, Nahrung und vor allem Energie - kommt. Es wird enger auf der Erde. Und wir erleben derzeit erst den Anfang. Die Welt erreicht künftig früher ihre Überhitzungsschwelle - die Inflation beschleunigt sich nun bei niedrigeren Wachstumsraten als in der Vergangenheit.
Das reale Wirtschaftswachstum zu erhöhen wird allenfalls auf längere Sicht gelingen: durch Innovationen, durch einen Strukturwandel hin zu weniger rohstoffintensiven Wirtschaftsweisen, durch Investitionen in Bildung und Forschung, durch Reformen der Sozialsysteme, mit dem Ziel, der Alterung der Arbeitsgesellschaften entgegenzuwirken.
Inflationsbekämpfung war in den zurückliegenden beiden Jahrzehnten eine vergleichsweise leichte Übung, weil viele Trends disinflationär wirkten. Notenbanker und Regierungen hatten das Gluck, über einen langen Boom präsidieren zu können. Dass es nebenbei auch zu gefährlichen Fehlentwicklungen kam - zu all den Preisblasen auf den Märkten für Vermögenswerte -, definierten sie einfach weg. Oder sie erklärten sich für nicht zuständig. Jetzt kommen ungleich größere Herausforderungen auf sie zu.
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