Von Karsten Stumm
Irgendwie eigentümlich: In den Prognosen der Wirtschaftsforscher ballte sich im vergangenen Jahr ebenfalls eine dreifache und lang angelegte Fehlentwicklung in einem Moment zusammen. Wie in der Krise selbst, die sie eigentlich hätten bestimmen sollen. Und vor ihr warnen.
So hatten die Experten nicht nur den Ausgleichsfaktor völlig falsch berechnet, den die Schwellenländer mit ihrem Wirtschaftswachstum in die weltweite Wirtschaftsrechnung durchaus einbringen. Doch das vorhergesagte Ausmaß, das angebliche Abkoppeln vom Krisengeschehen im Rest der Welt, traf nicht wie berechnet ein. Unglücklicherweise wurde in diesem Zusammenhang auch noch die tiefe Verwobenheit der Produktion über Länder- und Kontinentgrenzen unterschätzt, die Fragmentierung der Produktionsstufen - und damit die internationale Abhängigkeit aller nationalen Volkswirtschaften voneinander.
Dazu kam die Fehlbewertung der Expansion der Finanzwirtschaft für die allgemeine Wirtschaftsentwicklung. Zu lange nahmen die Wirtschaftswissenschaftler an, dass die Deregulierung der Finanzmärkte zumindest vielfach per se zu mehr Wirtschaftswachstum insgesamt führen würde - wenn beispielsweise als Folge der Deregulierung nur genügend passgenaue Finanzinstrumente entwickelt würden.
Doch gerade der losgelassene Finanzsektor trieb die Welt im vergangenen Jahr in eine Rezession. Dass dann auch noch keine Erfahrungswerte darüber vorlagen, wie solche Zusammenballungen mehrerer Krisen in einem einzigen Jahr wirken, machte die Prognosen der Wirtschaftsforscher noch unsicherer - und beschrieb schließlich kaum noch das Ausmaß der bitteren Rezession des vergangenen Jahres.
Aus all diesen Gründen wird die Wirtschaftskrise 2009 wohl noch in vielen Jahren als wahrhaft historischer Einschnitt in Erinnerung bleiben. Und wahrscheinlich kann man schon heute Wetten annehmen, ob die Lehren der Wirtschaftswissenschaft daraus so umwälzend werden, wie die aus der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929. Die sorgen übrigens selbst heute noch für Publikationen.
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