Von Arvid Kaiser
mm.de: Manche Ihrer Kollegen, wie Nobelpreisträger Paul Krugman, meinen, dass der Finanzsektor schrumpfen sollte, damit die Gesellschaft ihre Ressourcen in produktivere Zwecke stecken kann.
Shiller: Vielleicht schrumpft der Sektor ja von selbst. Wir haben eine Blase der Finanzwirtschaft durchgemacht auch mit absurden Gehältern in der Branche, aber über die Zeit könnte sich das von selbst berichtigen. Einige unserer Probleme haben damit zu tun, dass die Finanzmakler Anreize hatten, Anlageprodukte zu verkaufen, die nicht im Interesse der Kunden waren. Die Selbstorganisation der US-Finanzberater, FINRA, empfiehlt Brokern, die Portfolios möglichst in Ruhe zu lassen. Sie ständig umzuwühlen, ist sogar verboten.
Einige weitere Korrekturen in dieser Richtung könnten den Finanzsektor schrumpfen lassen. Ich glaube aber auch, dass die Branche wichtig ist, weil sie uns allen ökonomische Anreize setzt und auch das Risikomanagement schafft, das uns Unternehmertum ermöglicht. Grundsätzlich halte ich das Finanzwesen für eine gute Sache, die wir nicht einschränken sollten.
mm.de: Sie halten also nichts von Ideen, die großen Banken zu zerschlagen?
Shiller: Das erinnert mich an Leute, die im späten 19. Jahrhundert fragten, wozu wir all diese kleinen Läden brauchen. Vor Kurzem habe ich "Looking Backward" des amerikanischen Schriftstellers Edward Bellamy von 1888 gelesen, der feststellte: Es ist etwas faul an der modernen Wirtschaft, es gibt zu viele Läden. Wenn man die Straße entlanggeht, steht da einer neben dem anderen, alle fast identisch, und bieten Hüte, Obst oder Gemüse an. All die Verkäufer sind nicht produktiv, sie stehen bloß da und warten darauf, dass jemand kaufen will.
Aber dieses Problem ist heute behoben. Wir haben diese riesigen Supermärkte, wo man einmal auf den Parkplatz fährt und alles an einem Ort bekommt. Heute arbeiten viel weniger Menschen im Einzelhandel als damals, dafür können sie anderswo Sinnvolleres tun. Die kapitalistische Wirtschaft hat das Problem gelöst. Vielleicht erleben wir dasselbe mit dem Finanzwesen. Vielleicht sind zu viele kluge Köpfe dorthin gegangen, aber die natürlichen kapitalistischen Kräfte werden das beheben, vor allem, wenn wir den Markt mit den richtigen Regeln versehen.
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