Von Michael Best
Die durch die Krise ausgelöste Debatte über den Kapitalismus hat zeitweise chaotische Züge angenommen. Manchmal wurde das System in Bausch und Bogen verdammt, vor allem seine marktliberale angelsächsische Spielart, dann wieder waren es Personen, ihre Kurzsichtigkeit und ihre Gier, die am Pranger standen. Aber was ist der Kern des Problems?
Taugt das System nichts, oder haben nur ein paar Leute einen schlechten Job gemacht und zu eilig in die eigene Tasche gewirtschaftet?
Wir müssen das System und seine Menschen im Zusammenspiel betrachten, auch um das Beben der Märkte zu verstehen. Die Regeln, nach denen die Kapitalmärkte in all den Jahren agierten, in denen sich die tektonischen Verspannungen aufbauten, waren von Menschen für Menschen erdacht. Es waren Regeln der Regierungen und der Notenbanken, Regeln der Bankenaufsicht und der Bilanzierung - Regeln, die für die Märkte galten, und interne Regeln einzelner Banken, bis hin zu jenen krisenverstärkenden Vergütungsregeln, die als Leistungsanreiz dienen sollten. Vorständen ist die Kontrolle über das eigene Geschäftsmodell entglitten, Risikomanager waren gutgläubig oder wurden kaltgestellt, hochbezahlte Händler glaubten sich in einer Welt, in der alles immer nur gutgeht.
Politiker wollten die Früchte eines immerwährenden Wirtschaftsbooms ernten und ließen den Finanzjongleuren freien Lauf. Denn das Kapital floss dahin, wo es gerufen wurde. Es gab Kredit im Überfluss, für den Traum vom eigenen Haus, für Gründung, Verschmelzung und Übernahme von Unternehmen, für Länder und Völker, welche die Schwelle zum Wohlstand überschreiten wollten.
Wie Kapitalismus neu gedacht werden muss
Die Lenker von Banken und Unternehmen müssen von der Gesellschaft stärker in die Pflicht genommen werden. Auch Sparer und Anleger müssen ihr eigenes Verhalten hinterfragen und bereit sein, als Investoren Verantwortung zu übernehmen für Wohlstand und Arbeitsplätze, statt Börsen als Spielkasino zu missbrauchen.
Michael Best: "Kapitalismus reloaded. Wohin wir nach dem Debakel steuern müssen."; Frankfurter Allgemeine Buch, September 2009, 240 Seiten, 24,90 Euro.
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Die Unterschiede zwischen Industrie- und Schwellenländern verwischten sich. Die Deutschen als Exportweltmeister waren glücklich, jedem, der Geld hatte, etwas verkaufen zu können. Wer wollte sich dem entgegenstellen, den Spielverderber geben? Zwar geißelte der Chefökonom der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley die Geldschwemme in den USA und warnte vor den wachsenden globalen Ungleichgewichten, aber Stephen Roach galt als notorischer Schwarzseher; so einen leistet man sich, aber man hört nicht auf ihn.
Auch einige amerikanische Professoren versuchten zu warnen. Robert Shiller, Wirtschaftsprofessor an der Yale University, verwies beharrlich auf die sich immer schneller drehende Preisspirale am amerikanischen Häusermarkt. Nouriel Roubini, Professor in New York und einer der umtriebigsten Ökonomen unserer Zeit, beschwor schon früh die Gefahr einer globalen Rezession. Paul Krugman, er lehrt an der Princeton University, geißelte den sorgenfreien Irrglauben, dass der Kapitalismus für immer gezähmt sei. 2008 erhielt er den Nobelpreis - als es zu spät war.
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