Von Kai Lange
mm.de: Wer wirkte rhetorisch besser?
Sollmann: Beide sind Profis, beide hatten ihre starken und schwächeren Momente. Steinmeier ist es jedoch besser gelungen, mit der Forderung nach "sozialer Gerechtigkeit" ein Leitmotiv aufzunehmen, das einer der zentralen Positionen seiner Partei entspricht. Merkel dagegen hat diese Chance verpasst, als sie zum Beispiel während der Diskussion um die Bankerboni überwiegend davon sprach, dass man sich "international abstimmen" müsse.
mm.de: Hätte man von ihr denn etwas anderes erwarten dürfen? Die gesamte Diskussion der vergangenen Wochen konzentrierte sich doch auf die Bonuszahlungen, statt auf die Reformen des Finanzwesens. Die Anreizstruktur im Schalterverkauf der Banken, der einfachen Angestellten beispielsweise, wurde völlig ausgespart.
Sollmann: Das mag sachlich richtig sein, jedoch hätte sie an dieser Stelle auch an christlich-soziale Werte oder an die Moral appellieren können, um zentrale Positionen der Union aufzunehmen und damit ihre Wähler stärker ansprechen zu können. Da wirkte sie eher pragmatisch, während Steinmeier näher an die Seele seiner Partei gerückt ist.
mm.de: Wie wirkten die Schlussstatements?
Sollmann: Auch wenn beide etwas auswendig gelernt und aufgesagt wirkten - beides waren rhetorisch gut aufgebaute, wenn auch sehr unterschiedliche Statements. Steinmeier nahm sein Leitmotiv "soziale Gerechtigkeit" wieder auf und warb für sich als Diener seiner Partei. Merkel stellte stärker auf die eigene Person und das "ich" ab: Ich bin die Kanzlerin, ich habe schwierige Zeiten gemeistert, mir und der Union geht es um wichtige Zukunftsfragen wie Bildung und Arbeit, und deshalb, lieber Wähler, geben Sie mir Ihre Stimme. Sie selbst war die Klammer für ihr Schlussstatement, und auch das ist gut rübergekommen.
mm.de: Was würden Sie beiden Kandidaten für die kommenden zwei Wochen raten?
Sollmann: Merkel sollte das TV-Duell einfach abhaken und sich bis zur Wahl auf ihre Stärken und ihre Souveränität konzentrieren. Steinmeier sollte den positiven Impuls, den er durch das Duell bekommen hat, aufnehmen und diese persönliche Anspannung mit in die Schlussphase des Wahlkampfs nehmen: Er sollte nun aggressiv auf die Union losgehen und damit - erneut über Bande - indirekt die Kanzlerin attackieren.
mm.de: Welche Bedeutung hat das Duell somit Ihrer Meinung nach für den Ausgang der Bundestagswahl?
Sollmann: Jetzt wird sich zeigen, ob sich die in den Umfragen führende CDU von dem TV-Duell verunsichern lässt. Steinmeier hat sich im Duell auf Augenhöhe mit der Kanzlerin präsentiert, und das ist für ihn ein Überraschungserfolg. Mehr war für ihn nicht drin.
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