Von Martin W. Brock
Was in Deutschland undenkbar ist, gehört in Ländern wie den USA zur offiziellen Politik: Seit vielen Jahren machen US-Regierungen kein Geheimnis daraus, dass sie die Geheimdienste angewiesen haben, zum Wohl der heimischen Wirtschaft Spionage zu betreiben.
Martin W. Brock ist ein Pseudonym. Brock arbeitete mehrere Jahre als verdeckter Ermittler der Polizei im Bereich organisierte Kriminalität und Wirtschaftsstraftaten. Um seine Person zu schützen, verzichtet manager-magazin.de darauf, seinen echten Namen, der der Redaktion bekannt ist, zu nennen. Heute schreibt er Kriminalromane mit Bezug zu realen Verbrechen.
Die US-Nachrichtendienste CIA und NSA (National Security Agency) waren schon immer einfallsreich, wenn es darum ging, Daten zu organisieren. So wissen deutsche Firmen von Unternehmensberatungen zu berichten, die sich über deutsche Tochterfirmen Zugang zu sensiblen Informationen verschaffen. Oder Detekteien werden unter dem Vorwand, es handele sich um einen Betrugsfall, beauftragt, vertrauliche Daten zu beschaffen. All das neben den allgemein bekannten Methoden wie Überwachung des E-Mail-Verkehrs und dem Abhören von Telefonaten.
Spionage als Mittel gegen die Wirtschaftskrise
Seit Beginn der Wirtschaftskrise stellen Unternehmen hierzulande eine erhebliche Zunahme der Wirtschaftsspionage fest, auch seitens der USA. Aber darüber wird nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen, niemand will es sich mit amerikanischen Auftraggebern verscherzen. Betroffen sind unter anderem Unternehmen mit Know-how im Bereich der Solar- und Umwelttechnologie.
Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit mag dies verdeutlichen: Ein Unternehmen benutzt für die Beschichtung seines Produkts eine spezielle Materialmischung. Dadurch konnte es sich einen internationalen Spitzenplatz erkämpfen.
Um ihr Know-how zu schützen, hat die Firma mit ihren Lieferanten, die teilweise im Ausland sitzen, strikte Geheimhaltungsvereinbarungen getroffen. Seit einigen Monaten bemerkt die Firma nun, dass versucht wird, an die Liste der Lieferanten zu kommen. Wer hinter diesen Spionageversuchen steckt, kann nur vermutet werden, einiges deutet auf ein Unternehmen aus den USA hin. Viele US-Firmen haben in ihren Reihen ehemalige CIA- und NSA-Mitarbeiter, die über gute Kontakte zu ihren alten Dienststellen verfügen.
Wenn diese Zugriff zu den Bankdaten des Unternehmens bekommen, ist es ein Leichtes, die Lieferanten festzustellen. Gerade im Bereich der chemischen Industrie stellen diese oft nur wenige Produkte her, sodass die weiteren Recherchen bezüglich der Materialmischung für die Beschichtung nicht mehr allzu schwierig sind. Und wenn noch weitere Daten besorgt werden müssen, wissen die Dienste nun auch, bei welchen Lieferanten sie ansetzen können.
Bankdaten lüften Betriebsgeheimnisse
Das Ergebnis kann für eine betroffene Firma eine Katastrophe sein: Was sie durch teure und aufwendige Forschungs- und Entwicklungsarbeit erreicht hat, gelingt der Konkurrenz so mit einem Bruchteil der Kosten. In Verbindung mit den Bilanzen, die inzwischen nahezu alle deutschen Unternehmen veröffentlichen müssen und die jedermann über das Internet einsehen kann, ergibt sich ein perfektes Bild des Innenlebens einer Firma. Namen und Umsätze mit Lieferanten, Auslandskunden, finanzielle Situation, dies sind nur einige der Informationen, die sich auf diesem Weg beschaffen lassen.
Mehr kann sich ein wirtschaftlicher Konkurrent kaum wünschen. Wen es da beruhigt, dass die US-Behörden zusichern, die Swift-Daten würden nur für die Terrorabwehr genutzt, dem sei gratuliert. Er verfügt über eine beneidenswerte Vertrauensseligkeit.
© manager magazin Online 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH