Von Arvid Kaiser
IWF und EU setzen auf eine Schocktherapie. Die Letten hätten über ihre Verhältnisse gelebt und müssten lernen, mit niedrigeren Löhnen wieder wettbewerbsfähig zu werden, sagt Rosenberg. Der Staat ist zwar kaum verschuldet und könnte den riesigen privaten Schuldenberg auf seine Kappe nehmen, doch das würde aus Sicht der Retter nur die notwendige Anpassung verzögern.
Vielleicht schafft es der lettische Staat auch gar nicht, ausreichend neue Schulden aufzunehmen, um sein Budget zu bezahlen. Auf einer Auktion am Mittwoch fand sich für Anleihen im Wert von 50 Millionen Lats (75 Millionen Euro) kein einziger Bieter. Das nicht nur, weil die Ratingagentur Fitch lettische Staatsanleihen inzwischen als "Schrott" bewertet. Am Markt ist auch schlicht nicht mehr genug Lokalwährung vorhanden.
Die Nationalbank kauft seit Monaten Lats im großen Stil auf, um eine Abwertung gegen den Euro zu verhindern. Seit Jahren sind die Währungen aneinander gebunden. Immer wenn der Euro auf 0,7098 Lats steigt, greift die Nationalbank ein. Die Bindung an den Euro "ist ein Symbol für die Stabilität und Unabhängigkeit Lettlands", sagt IWF-Mann Rosenberg. Und sie verkörpere die Hoffnung auf einen Ausweg - nämlich bis 2012 die Beitrittsbedingungen der Währungsunion zu erfüllen und den Euro zu übernehmen.
Den Lats einfach abwerten zu lassen, würde den Letten demgegenüber helfen, mit billigeren Exporten zumindest einen Teil der Krisenlast loszuwerden. Die Exportindustrie, die ihren Namen kaum noch verdient, wäre auf einmal wieder wettbewerbsfähig. Andererseits lauten 90 Prozent der lettischen Kredite in Fremdwährung, überwiegend in Euro. Viele ohnehin überschuldete Bürger würden mit einem Schlag zahlungsunfähig, weil sie mit abgewerteten Lats-Einkommen ihre Euro-Kredite nicht mehr bedienen könnten.
Dennoch werden die Stimmen immer lauter, dass eine Abwertung bevorsteht. Die Notenbank mahnte am Donnerstag "Vorsicht in Wort und Tat" ahn, nachdem selbst ein Regierungsberater, der frühere schwedische Zentralbankchef Bengt Dennis, gesagt hatte, eine Abwertung sei "nur noch eine Frage der Zeit". Die Währungsreserven der lettischen Zentralbank schmelzen im Kampf um die Euro-Bindung. Von rund fünf Milliarden Euro vor Beginn der Krise sind gerade noch drei Milliarden übrig - trotz der IWF-Hilfe. Auch weitere Rettungsmilliarden dürften auf dem Devisenmarkt verbrennen.
So könnte sich die Krise zum Kollaps auswachsen. "Lettland taumelt am Rand von Staatsbankrott und Abwertung", meint die Ökonomin Mary Stokes vom New Yorker Analysehaus Roubini Global Economics. Doch damit nicht genug: "Die größere Sorge ist, dass dieser Kollaps einen gefährlichen Dominoeffekt quer durch Osteuropa, Schweden und noch weiter auslösen könnte."
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