Dienstag, 09. Februar 2010, 16:42 Uhr
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05.05.2009

Müllers Welt

Vorsicht, Entglobalisierung!

Von Henrik Müller

Wir erleben derzeit das dosierte Zurückschneiden der weltwirtschaftlichen Verflechtungen. Nur in Deutschland nehmen wir das bislang nicht wirklich ernst. Doch niemand sollte sich täuschen: Die ökonomischen und sozialen Wirkungen werden heftig sein, gerade für unsere Industrie. Wie sollten Unternehmen und Politik reagieren? Diskutieren Sie mit!

Ich kann mich in diesen Tagen des Eindrucks nicht erwehren, dass viele in der Wirtschaft und in der Politik die Zerstörungskraft des gegenwärtigen Wirtschaftsbebens noch nicht erkannt haben. Dies sei ein zyklisches Phänomen, so hören wir immer wieder, ein heftiger, aber letztlich normaler Abschwung, an dessen Ende es weitergeht wie bisher.

  Henrik Müller,  stellvertretender Chefredakteur bei manager magazin, schreibt über wirtschaftspolitische Themen

Henrik Müller, stellvertretender Chefredakteur bei manager magazin, schreibt über wirtschaftspolitische Themen

Ich halte diese Einstellung für blauäugig. Die Krise geht viel tiefer. Sie verändert die ökonomischen, gesellschaftlichen, politischen Strukturen - national und international. Dies ist eine Strukturkrise, die wir nur überwinden werden, wenn wir neue Geschäftsmodelle erfinden - für die Unternehmen, aber auch für ganze Gesellschaften.

Wohl nie zuvor in der Nachkriegsgeschichte sind die Handelsströme und die internationalen Kapitalflüsse so stark zurückgegangen wie derzeit. Ein neues Paradigma wird sichtbar: Entglobalisierung.

Was ich als Entglobalisierung bezeichne, bedeutet nicht das Ende der Globalisierung, keinen aggressiven Handelskrieg wie in den 30er Jahren, sondern das dosierte Zurückschneiden internationaler Verflechtungen. Aber niemand sollte sich täuschen: Die ökonomischen und sozialen Wirkungen werden heftig sein. Produktivitätsgewinne der vergangenen Jahre werden vernichtet, Märkte vermachtet, Dynamik gedämpft.

In Deutschland ist diese neue Realität noch nicht recht ins Bewusstsein gelangt. In anderen Ländern sehr wohl. Dabei wird es für den "Exportweltmeister" besonders schmerzhaft, wie unser Report über die Zukunft der deutschen Industrie im aktuellen manager magazin zeigt.

Wir haben die Boston Consulting Group gebeten, für uns zu analysieren, was eigentlich nach der Krise von den deutschen Vorzeigebranchen übrig bleiben wird. Herausgekommen ist ein faszinierender, aber auch bedrohlicher Blick in die Zukunft: Bis zu einem Drittel der Wertschöpfung und bis zur Hälfte der Arbeitsplätze könnten nach diesen Schätzungen in den kommenden Jahren in Deutschland wegfallen; detaillierte Informationen zu den wichtigsten deutschen Industriebranchen Auto, Maschinenbau, Chemie, Elektro und Metall finden sich im aktuellen manager magazin, Heft 5/2009.

Übertrieben? Nicht, wenn man sich die polit-ökonomische Dynamik der Entglobalisierung anschaut.

Im Orkus der Finanzkrise

Der harte Absturz, den viele Länder derzeit erleben, rührt auch daher, dass sich die Volkswirtschaften im Zuge der Globalisierung zunehmend spezialisiert haben. Diese Spezialisierung auf einen verengten Kanon von Branchen und Aktivitäten bringt zwar Produktivitätsgewinne, die sich in den vergangenen Jahren insbesondere im steigenden Wohlstandsniveau der Schwellenländer und in üppigen Unternehmensgewinnen niedergeschlagen haben. Aber es gilt eben auch: Keine höhere Rendite ohne höheres Risiko. Volkswirtschaften mit einseitigem Branchenportfolio werden härter von weltwirtschaftlichen Schocks getroffen, sie sind weniger krisenresistent. Ein Effekt, den die klassische Außenhandelstheorie übrigens gern ignoriert.

Mehr zum Thema in: manager magazin 5/2009

Industrie 2015
Schon jetzt trifft die Weltrezession deutsche Vorzeigebranchen hart. Doch das Schlimmste kommt noch: Eine Exklusivstudie zeigt, dass eine dramatische Strukturkrise bevorsteht. Lesen Sie die große Analyse im aktuellen manager magazin, Heft 5/2009, ab Seite 84.

Dass die volkswirtschaftliche Spezialisierung große Risiken birgt, erleben viele Nationen gegenwärtig hautnah. Musterbeispiel Irland: Das Land hat sich seit den 90er Jahren auf die Finanzindustrie und auf Hightech konzentriert. Nun verschwindet Erstere gerade im Orkus der Finanzkrise (und bringt die kleine Volkswirtschaft am Rande Europas in die Nähe des Staatsbankrotts). Die Computerindustrie wiederum zieht es angesichts stark gestiegener irischer Löhne an neue, billigere Standorte.

Zurückbleibt die schockierende Erfahrung plötzlicher Verarmung.

In abgeschwächter Form gilt das auch für Großbritannien und die USA mit ihren großen Finanzsektoren. Auch für Frankreich. In diesen Ländern ist die Industrie in Relation zur Wirtschaftsleistung nur etwas mehr als halb so groß wie in Deutschland. Weil andere Sektoren - Banken und Bau - wegbrechen, steht nun eine Re-Industrialisierung auf den nationalen Agenden.

So will die Londoner Regierung neuerdings mehr echte Ingenieure und weniger "Financial Engineers" aktiv sehen. Entsprechend müht sich die Obama-Administration, die Industrie im Land zu stützen. Entsprechend versucht Nicolas Sarkozy, Wertschöpfung der Autoindustrie nach Frankreich zurückzuholen.

In einer Umfrage, die BCG bei internationalen Topmanagern durchgeführt hat und die unserer Studie "Industrie 2015" zugrunde liegt, spiegelt sich diese Re-Industrialisierungsstrategie in den Erwartungen der Befragten. Sie sagen in ihrer Mehrheit für die Zeit nach der Krise eine geringere internationale Verflechtung ihrer Volkswirtschaften voraus.

Laute Signale. In Deutschland verhallen sie bislang ungehört. Auch das zeigt die Umfrage.

Entglobalisierung wirkt bereits

Dabei wirkt die Entglobalisierung bereits. Nicht nur in der realen Wirtschaft, auch in der Finanzwirtschaft: Die grenzüberschreitenden Geldströme sind dabei, zu versiegen. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) meldete vorige Woche, noch nie seien in ihren Statistiken so starke Rückgänge bei der Kreditvergabe der Banken an das jeweilige Ausland zu verzeichnen gewesen wie im vierten Quartal 2008.

Entglobalisierung als Zukunftsszenario: Die ökonomischen und sozialen Wirkungen werden heftig sein, gerade für unsere Industrie
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Entglobalisierung als Zukunftsszenario: Die ökonomischen und sozialen Wirkungen werden heftig sein, gerade für unsere Industrie

© Corbis
Dies ist nicht nur eine gewissermaßen natürliche Folge der Finanzkrise, sondern womöglich ein dauerhafter Wandel. Die grenzüberschreitenden Ausleihungen gehen nämlich noch schneller zurück als die Kreditvergabe insgesamt, wie der Internationalen Währungsfonds (IWF) kürzlich in seinem "Global Stability Report" bemerkte. Als Gründe für dieses "cross-border deleveraging" nennt der IWF unter anderen einen gestiegenen "home bias" (viele Banken trauen sich einfach nicht mehr zu, die Risiken im Ausland managen zu können) und "höhere regulatorische Kapitalkosten", die daher rührten, dass die jeweiligen nationalen Behörden für Engagements im Ausland höhere Eigenkapitalunterlegungen forderten.

Schlimm vor allem für viele Schwellenländer, gerade in Osteuropa, denen dieser neue Finanzprotektionismus bisher selbstverständliche Kreditfinanzierungen vorenthält. Aber auch deutsche Unternehmen leiden darunter. Bislang große ausländische Kreditgeber wie die Royal Bank of Scotland, J. P. Morgan und Merrill Lynch ziehen sich zurück. Unter anderem deshalb schlittert ein bislang kraftstrotzendes Unternehmen wie Porsche in ernste Probleme, wie mein Kollege Michael Freitag in der Titelgeschichte des aktuellen manager magazins, Heft 5/2009 schreibt.

Neue Industrien, neue Dienstleistungssektoren

Was bedeutet Entglobalisierung für die Strategie der Unternehmen? Die Großen müssen sich darauf einstellen, künftig wieder mehr vor Ort zu produzieren, näher an den Abnehmermärkten, wenn mehr "local content" - mehr nationale Wertschöpfung - von den Behörden gefordert wird. Unter den neuen Voraussetzungen dürften sich globale Konzerne wieder in multinationale Konzerne zurückverwandeln, was sie bis in die 90er Jahre bereits waren - weniger zentralisiert, mit mehr Entscheidungsbefugnissen in den nationalen oder regionalen Headquarters. Für kleinere Unternehmen dürfte es zunehmend schwieriger werden, zu exportieren. Das erhöht den Konsolidierungsdruck.

Noch schwieriger ist die Sache aus volkswirtschaftlicher Sicht. Unternehmen können Teile ihrer Aktivitäten in die Abnehmermärkte verlagern - eine Gesellschaft der Sesshaften kann das nicht.

Wenn Teile des hoch produktiven Kerns der Volkswirtschaft nicht zu halten sind, weil die Abnehmermärkte sich verschließen, dann braucht Deutschland ein neues Geschäftsmodell. Wir haben kürzlich an dieser Stelle darüber diskutiert. Die deutsche Industriespezialisierung sollte sorgsam überdacht werden. Manches wird nicht zu halten sein (Teile der Autoindustrie), anderes sollte erhalten bleiben (der technologisch führende Maschinenbau). Daneben muss Neues entstehen: neue Industrien, neue Dienstleistungssektoren.

Auch Deutschland braucht eine weitere Diversifizierung seiner Wirtschaftsstruktur - nur unter umgekehrten Vorzeichen als teilweise de-industrialisierte Länder wie Großbritannien.


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Seine These: Die Erholung nach der Krise droht einen Inflationsschub zu bringen, wie es ihn seit Generationen nicht mehr gegeben hat. Auf die große Weltrezession könnte in den kommenden Jahren eine große Preisexplosion folgen. Warum? Weil unser Geldsystem systematisch falsch gemanagt wird.

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