Von Henrik Müller
Uns Deutschen wird ja eine Lust am Untergang nachgesagt. Endzeitfantasien finden hierzulande immer eine Menge Anhänger, auch in der Wirtschaft. Nun gab es in der deutschen Geschichte relativ viele Phasen des Chaos. Recht- und Staatslosigkeit, Krieg, Terror, vom Dreißigjährigen Krieg bis zu den extremen 20er, 30er, 40er Jahren - im nationalen Gedächtnis stecken diese Erfahrungen tief drin.
Henrik Müller, stellvertretender Chefredakteur bei manager magazin, schreibt über wirtschaftspolitische Themen
In den vergangenen Jahren habe ich viele Artikel und Bücher geschrieben, die sich mit dem Pessimismus der Deutschen befassten. Warum trauten wir uns so wenig zu? Warum glaubten wir, Deutschland sei dazu verurteilt, einer der Verlierer der Globalisierung zu sein? Lange hat die spezifisch deutsche Verzagtheit Reformen und Investitionen behindert und eine Auswanderungswelle sondergleichen begründet.
Im vergangenen Jahr allerdings haben wir gelernt, dass Pessimismus der neue Realismus ist. Entsprechend zeigen diverse Umfragen, dass die Bundesbürger nicht so überrascht und nicht so verängstigt sind wie unsere Nachbarn in Europa.
Weltwirtschaft
Lesen Sie mehr über die Weltwirtschaftskrise und die Gefahr der rapiden Geldentwertung im neuen manager magazin, Heft 3/2009, ab Seite 82.
Um nicht missverstanden zu werden: Auch ich zähle eher zur pessimistischen Fraktion. Mich beunruhigen vor allem die gesellschaftlichen und politischen Rückwirkungen der Krise. Überschuldete, geschwächte Staatswesen drohen finanziell zusammenzubrechen, Inflation, gar eine Hyperinflation, könnte sich verfestigen. Im aktuellen manager magazin habe ich einen umfassenden Report darüber geschrieben.
Inflation ist immer ein Zeichen schwacher staatlicher Institutionen, und diese Krise schwächt die Institutionen enorm, ja, sie stellt die ganze Idee unseres Gesellschafts- und Wirtschaftssystem in Frage. Während die Märkte noch ein Deflationsszenario für wahrscheinlich halten, könnte dahinter ein Inflationsschock lauern. Wie der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff, Ex-Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, sagt: Im Bemühen, eine Deflation zu vermeiden, könne es durchaus sein, dass wir am Ende "200 Prozent Inflation statt mit 2 Prozent wie gewünscht" bekommen. Dies zu verhindern, sei die "real challenge".
Aber das Hochinflationsszenario ist eben dies: ein Szenario. Es muss nicht so kommen. Genauso steht es um das andere derzeit grassierende Krisenverschärfungsszenario: die totale Kernschmelze des Wirtschaftssystem - asset deflation. Alle Werte - Häuser, Aktien, Anleihen, Rohstoffe, ganze Sektoren, komplette Volkswirtschaften - würden in diesem Prozess neu bestimmt. Am Ende der Talfahrt hätten sie nur noch einen Bruchteil ihres bisherigen Werts.
Auch das ist nach wie vor möglich, schließlich hat sich der Dax seit 2007 halbiert, der Ölpreis ist seit seinem Höchststand voriges Jahr um zwei Drittel gesunken, die Häuserpreise geben überall nach, Staatsanleihen vieler Staaten sind eingebrochen, und auch Topbonds wie deutsche oder amerikanische können angesichts der Schuldenorgien jederzeit abstürzen. Aller staatlichen Interventionen zum Trotz wären wir in einem Szenario der debt deflation, wie es in den 30er Jahren, auf dem Höhepunkt der letzten großen Weltwirtschaftskrise, der US-Ökonom Irving Fisher beschrieb - (habe ich kürzlich noch mal nachgelesen, wirklich erhellend). Ein Ende der Krise - politische Katastrophen inklusive - wäre längst nicht absehbar.
Es kann aber auch sein, dass wir viel zu pessimistisch sind, dass wir gefangen sind in einer düsteren Gegenwart. Am Tiefpunkt angelangt, würden wir den unmittelbar vor uns liegenden Wendepunkt nicht erkennen und den Abwärtstrend einfach immer weiter fortschreiben.
Diese Vermutung äußert zum Beispiel Jan Poser, Chefvolkswirt der Schweizer Privatbank Sarrasin: "Wir haben uns schon daran gewöhnt, dass die seit fast zwei Jahren wütende Finanzkrise immer neue Superlative hervorbringt." Und tatsächlich sei es "nicht übertrieben zu behaupten, das vierte Quartal 2008 werde als das katastrophalste Quartal in die Wirtschaftsgeschichte eingehen". Schließlich habe es "seit Beginn der modernen statistischen Erhebungen keinen solchen synchronen Absturz der volkswirtschaftlichen Indikatoren gegeben".
Aber jetzt sei eine "Bodenbildung" erkennbar. Poser räumt ein, dass dies eine "momentan noch fast radikal anmutende These" sei. Aber: Die Stimmungsindikatoren (wie der Ifo-Geschäftsklimaindex in Deutschland oder der ISM-Index in den USA) verharrten zwar auf niedrigem Niveau, sackten aber nicht weiter dramatisch ab. Das zeige noch keinen Aufschwung an, aber eine weitere Beschleunigung des Abschwungs sei unwahrscheinlich.
All die Notpakete und Rettungsaktionen der Regierungen und Notenbanken, all die Staatsaufträge und -bürgschaften führten endlich zu einer Stabilisierung der Psychologie. Und dies, sagt Poser, sei eine wichtige Vorbedingung dafür, dass der Abschwung ausläuft und allmählich, womöglich im zweiten Halbjahr 2009, erste Anzeichen einer zyklischen Aufwärtsbewegung sichtbar seien.
| Buch bestellen |
Auch ich halte dies für das wahrscheinlichste Szenario für die Zeit ab Herbst 2009: eine Stabilisierung auf niedrigerem Niveau; geringes Wachstum, steigende Preise, wieder deutlich teurere Rohstoffe.
Die Schulden drücken, die Zinsen sind hoch, die Finanzierungsbedingungen eng, die Steuern steigen, der Abbau öffentlicher und privater Schulden geht weiter - viele wachstumsbegrenzende Faktoren. Kein ökonomisches Armageddon, aber eine ausgeprägte Ära der Dürre, geprägt von jenen "Sieben Knappheiten", die ich in meinem jüngsten Buch beschreibe.
Es stimmt schon: Wir stehen am Beginn einer neuen Phase der Weltwirtschaftsgeschichte. Die Globalisierung, wie wir sie bisher kannten, geht zu Ende. Aber das heißt noch nicht, dass uns der Himmel auf den Kopf fällt.
Sobald jemand ein Posting schreibt, daß nicht systemkonform ist, wird es entweder lächerlich gemacht oder kritisiert. Sehr verdächtig... Ich bekomme langsam den Eindruck, daß Sie in diesem Forum für die Zensur verantwortlich [...] mehr...
Der 44-jährige Schweizer ROLAND WAGNER will am 22. März 2009 an der offiziellen Landesmeisterschaft in Zürich Weltrekord über 50m Freistil schwimmen. Er deklariert den Weltrekord als Protest gegen die Krise. [...] mehr...
Jeder von uns, wage ich zu behaupten, praktiziert Optimismus. Aber auch Sie, lieber teevee, werden einräumen, daß dies manchmal nur mit zusammengebissenen Zähnen hinter dem Lächeln funktioniert. Nur wenn man mit Kindern redet, [...] mehr...
An alle Mitlesenden! Ich rufe alle Poster noch einmal auf, uns zu unterstützen. Wir haben noch etwa 2 Wochen Zeit ! Bis dahin müssen 4000 gültige Unterstützungsunterschriften erbracht werden und dem Bundeswahlleiter vorgelegt [...] mehr...
Hallo silvaticus, wir haben Ihren Beitrag weder unterdrückt noch gelöscht. Vielleicht hatten Sie das Stück nicht richtig reingestellt. Beste Grüße Andreas Nölting manager-magazin.de mehr...
© manager magazin Online 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH