Von Arvid Kaiser
"Linker" als düstere Vorzeichen
Die Frankfurter Geldpolitiker verweisen in ihren Entscheidungen stets auf die Inflationserwartungen - die machen laut Bini Smaghi den Unterschied zwischen segensreicher Disinflation und katastrophaler Deflation aus. Erst wenn die wirtschaftlichen Akteure für die Zukunft mit weiter fallenden Preisen rechnen, droht eine Abwärtsspirale.
Manche Akteure sind dabei jedoch schon recht weit. Aus den Renditen inflationsbesicherter Staatsanleihen (Inflation linked Bonds oder "Linker") beispielsweise lassen sich solche Erwartungen ableiten. Normalerweise werfen diese Papiere mehr ab als gewöhnliche Staatsanleihen, als Ausgleich für die erwartete Inflation. Derzeit aber sind die Renditen vieler Staatsanleihen als Folge der Flucht der Anleger in diese sicheren Papiere nahe null, während viele Linker noch mit 4 Prozent oder mehr rentieren.
Der Markt signalisiert so, dass beispielsweise Frankreich schon in diesem Jahr in die Deflation rutscht. Japan erlebt, wenn der Rentenmarkt recht hat, eine Neuauflage des "verlorenen Jahrzehnts", nur schlimmer: 2 Prozent Deflation pro Jahr, während sich die Raten in den 90er Jahren noch nahe null bewegten.
Frankreich und Japan droht bereits 2009 die Deflation
Für die USA droht demnach ein besonders dramatisches Szenario. In diesem und dem kommenden Jahr fielen die Preise um jeweils 4 Prozent, erst im Jahr 2019 käme die - dann wohl lang ersehnte - Inflation wieder zurück ins Spiel, jedoch noch 30 Jahre lang mit bescheidenen Raten.
Nun könnte es allerdings sein, dass der Markt von irrationalen Ängsten getrieben wird, mit der Gefahr einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Die japanische Regierung hat bereits in den Markt eingegriffen und Inflationsanleihen zurückgekauft, um deren Renditen zu drücken.
Andere Marktteilnehmer treibt dagegen die gegenteilige Sorge um: Die Reaktion auf die Wirtschaftskrise und die Deflationsgefahr könnte überzogen sein und selbst ohne Hilfe des Ölpreises eine neue Inflationsspirale auslösen. Billiges Geld, teure Konjunkturprogramme, neue Staatsschulden auf Rekordniveau - müsste das alles nicht langfristig die Preise treiben?
Nicht unbedingt. Die zusätzliche Liquidität im Bankensektor und die von den Konjunkturprogrammen beförderte Nachfrage reiche bei Weitem nicht aus, die entstandenen wirtschaftlichen Lücken zu füllen, meinen Experten der Dekabank. Und steigende Staatsschulden wirken nur dann inflationär, wenn der Staat absichtlich die Notenpresse anwirft, um das Geld zu entwerten und so seine Schuldenlast zu mildern. Doch genau das, die Ausweitung der Geldmenge, ist laut Ben Bernanke das Mittel der Wahl, wenn die Liquiditätsfalle einmal zugeschnappt hat. "Wir können Trost darin finden, dass die Logik der Notenpresse sich Geltung verschaffen wird", erklärte er in seiner Rede 2002. "Ausreichend große Geldspritzen werden letztlich immer eine Deflation umkehren können."
Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman, der uns "jetzt schon näher an einer Deflation als jemals seit der Weltwirtschaftskrise" wähnt, sieht die Zukunft der Wirtschaft davon abhängen, ob die biederen Notenbanker über ihren Schatten springen können. Krugman beschreibt diese schwierige Mission mit den Worten: "Sie müssen glaubwürdig machen, unglaubwürdig zu sein."
© manager magazin online 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH