Von Arne Stuhr
Hamburg - "Wenn jemand behauptet, dass es schon im Sommer wieder aufwärtsgeht, ist das alles Käse." Hans-Werner Sinn gab sich am Donnerstagabend vor dem Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten erst gar keine Mühe, Optimismus zu verbreiten. "Die Krise kommt, und zwar massiv", sagte der Leiter des Münchener Ifo-Instituts weiter.
Allein der Blick auf die so stark wie noch nie eingebrochenen Auftragseingänge der deutschen Industrie reiche aus, um diese Prognose zu wagen. Bis zur Bundestagswahl Ende September rechnet Sinn daher im Vergleich zum Vorjahresmonat mit 500.000 bis 700.000 zusätzlichen Arbeitslosen. "Wir haben ja alle noch zu essen", so Sinns Hinweis darauf, dass die wahren Auswirkungen der Krise hierzulande noch gar nicht spürbar seien. Erst wenn der Nachbar seinen Job verloren haben wird, werden viele das Ausmaß der Verwerfungen realisieren.
Noch habe Deutschland das niedrigste Arbeitslosenniveau seit 16 Jahren, die USA aber schon das höchste in diesem Zeitraum. Da die deutsche Wirtschaft der amerikanischen seit jeher rund anderthalb Jahre hinterherlaufe, erwartet Sinn den Scheitelpunkt der Krise hierzulande erst im Sommer 2010. Vom Ausmaß der Finanz- und Wirtschaftskrise zeigte sich der gebürtige Ostwestfale sichtlich beeindruckt. Allein 2008 seien weltweit 64 Finanzinstitute Pleite gegangen oder verstaatlicht worden. "So ein Bankensterben gab es noch nie", so der Ökonom.
Warum sich auch viele deutsche Institute an den in erster Linie aus amerikanischen Immobilienkrediten abgeleiteten Giftpapieren verhoben haben, machte Sinn an zwei simplen Tortengrafiken deutlich. So entfielen 2007 nahezu die Hälfte der weltweiten Kapitalexporte auf das Spitzentrio China (21 Prozent), Deutschland (14 Prozent) und Japan (12 Prozent). Da die Chinesen fast ausschließlich auf Staatsanleihen setzten, dürfte "ein großer Teil des Schrotts in Deutschland gelandet sein", lautet Sinns Analyse. Somit hätten die deutschen Sparer, die für ihr Geld offensichtlich zu wenige Investitionsmöglichkeiten im eigenen Land finden, zu einem großen Teil den riesigen Kapitalhunger der USA gestillt. Die Vereinigten Staaten absorbierten nämlich 2007 fast 50 Prozent der weltweiten Kapitalimporte - auf Platz zwei und drei folgten übrigens Spanien (10 Prozent) und Großbritannien (7 Prozent).
Als wesentliche Ursache der Krise bezeichnete Sinn die zu geringe Eigenkapitalausstattung der Banken. Daher müssten die deutschen Banken - dem Beispiel Großbritannien folgend - "gezwungen werden, staatliches Geld anzunehmen". "Es geht nicht anders", so Sinn, der darin übrigens keinen Widerspruch zu seiner neoliberalen Grundeinstellung sieht. Die Neoliberalen seien nämlich entgegen vieler Vorurteile und im Gegensatz zu den Paläoliberalen nicht für eine völlig unregulierte Wirtschaft. Ganz im Gegenteil: Vom Staat gesetzte Spielregeln seien wichtig und die bisherigen "waren falsch".
Zentral sei nun eine Reform der aktuellen Eigenkapitalvorschriften, die unter dem Begriff "Basel II" zusammengefasst sind. Diese müssen laut Sinn so überarbeitet werden, dass es künftig nicht mehr erlaubt sein sollte, mittels Kreditversicherung und Risikogewichtung die tatsächliche Unterlegung mit Eigenkapital deutlich unter die derzeit geforderte Quote von 8 Prozent zu drücken. Über Basel II hinaus müsste außerdem die Bankenregulierung international harmonisiert werden, damit es nicht wie in der Vergangenheit geschehen zwischen den Finanzplätzen zu einem "Laschheitswettbewerb" komme.
Die Kritik an der eigenen Zunft, nicht rechtzeitig vor der Krise gewarnt zu haben, wies Sinn entschieden zurück. Es hätte viele Warnungen aus der Wissenschaft gegeben, nur hätte die Gesellschaft dafür keinen Sensor gehabt. Er gestand aber auch ein, wie schwer es immer noch sei, bei Finanzprodukten wie zum Beispiel Kreditderivaten überhaupt an Daten zu kommen. "Dort gibt es noch immer viel Dunkelheit", so Sinns Fazit.
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