Von Martina Fietz und Alexander Görlach
Frage: Kann man aus der Finanzkrise eine Lehre aus christlicher Sicht ziehen?
Zollitsch: Bestimmt können wir einige Lehren daraus ziehen. Viele haben beispielsweise gemeint, sie könnten schnell das große Geld machen. Früher war der Gedanke: Ich erarbeite mir einen gewissen Ertrag und mache etwas damit. Heute ist die Versuchung groß, zu sagen: Ich lasse das Geld für mich arbeiten, indem ich einfach die Millionen hin- und herschiebe und dabei danach trachte, wie ich möglichst rasch möglichst viel Gewinn mache.
Ich glaube, da wird ein Nachdenken einsetzen, denn auf die Dauer kann man nicht wirklich meinen, man könne regelmäßig Jahr für Jahr 15 oder 25 Prozent Rendite machen. Die Finanzkrise hat ein Verhalten aufgedeckt, das sich am besten mit dem Begriff Gier umschreiben lässt. Das muss uns nachdenklich machen, denn es stellt sich die Frage: Immer mehr Geld zu haben, ist das alles?
Frage: Hat das für Sie schon eine unmoralische Dimension?
Zollitsch: Ja, dieses Maß an Gier hat eine unmoralische Dimension. Gewinn machen zu wollen in einem Rahmen, der auch andere berücksichtigt, halte ich nicht nur für legitim, sondern für notwendig. Denn ein Betrieb, der keine Gewinne macht, kann auch nicht für seine Arbeiter sorgen. Aber es kommt auf das Maß an. Wir haben dieses Maß in vielfacher Weise verloren, wie uns das jetzt die Katastrophe am Finanzmarkt zeigt.
Frage: Wie finden wir einen Weg aus dieser unmoralischen Entwicklung?
Zollitsch: Geld und Finanzmittel sind auch sozialpflichtig. Beim Eigentum sind wir diesen Gedanken bereits aus der katholischen Soziallehre gewohnt. Als im Grundgesetz festgeschrieben wurde, dass Eigentum sozialpflichtig ist, geschah dies nicht im Blick auf Finanzströme, sondern auf die Betriebe. Wir haben diesen Gedanken noch nicht genügend auf das Kapital hin weitergedacht. Ich hoffe, dass durch die derzeitigen Erfahrungen die Regierungen weltweit, vor allem auch in den USA und China, erkennen, dass bestimmte Regeln notwendig sind. Kapital darf nicht losgelöst sein von der Verantwortung für die Gesellschaft.
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