Von Jochen Eversmeier, Arvid Kaiser und Nils-Viktor Sorge
mm.de: Wie einige Staaten befürchtet auch Deutschland eine Rezession. Im Frühjahr ist die Wirtschaft geschrumpft, im Sommer wohl auch. Was kommt noch?
Posen: Ich bin nicht glücklich mit der deutschen Wirtschaft. Wie die meisten Menschen hatte ich den Aufschwung bis vor zwei Jahren unterschätzt und wurde dafür viel kritisiert, doch leider zeigte das Wesen des Aufschwungs, dass ich Recht hatte.
Der Aufschwung lief komplett auf der Welle der Exportnachfrage. Es gab keinen Investitionsboom, es gab kein Lohnwachstum in Deutschland, die Produktivitätsrate ist über die vergangenen zwei Jahre sogar zurückgegangen. Jetzt sagen manche, das liege am Rückgang der Arbeitslosigkeit, was mathematisch stimmen mag. Aber wenn es einen großen Anstieg der Beschäftigtenzahl braucht, um geringes Wachstum herzustellen, dann ist die Definition mangelnder Produktivität erfüllt.
mm.de: Doch die deutsche Wirtschaft ist wenigstens nicht auf Pump gewachsen, oder?
Posen: All das Gerede über die Blasenwirtschaft in Amerika ist berechtigt. Aber leider hatte Deutschland seinen eigenen unhaltbaren Boom, der allein auf dem Export aufbaute. Jetzt gibt es nichts mehr, was die deutsche Wirtschaft stützt.
Außerdem gibt es fundamentale Strukturprobleme im Finanzsektor. Sie denken vielleicht, das sei nicht gerecht, die Amerikaner mit ihrem Spekulantentum sollten für ihr Verhalten bestraft werden. Aber so läuft das nicht, solange Sie Ihre unkonsolidierten Landesbanken haben. Es war kein Zufall, dass IKB und SachsenLB mit als erste kippten. Die ganze Bankenlandschaft leidet an Überkapazitäten, und ehrlich gesagt ändert der Verkauf der Dresdner an die Commerzbank daran nicht viel.
mm.de: Was würden Sie denn tun? Kritik an Landesbanken gibt es schon lange.
Posen: Es ist genau wie mit den US-Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac. Ich habe, wie andere auch, seit langem darauf hingewiesen, dass es lächerlich war, so zu tun, als ob Fannie und Freddie private Unternehmen seien. Es war die übliche amerikanische Heuchelei. Wir tun viel im öffentlichen Sektor, aber unsere Regierung ist sehr zögerlich, das auch einzugestehen.
Mit den Landesbanken ist es ähnlich. Der einzige Grund für ihre Existenz ist die Staatsgarantie, genau wie bei Fannie und Freddie. So wie sie jetzt aufgestellt sind, dienen sie keinem nützlichen Zweck. Die Sparkassen können ihre Backoffice- und Handelsdienste woanders billiger bekommen, und zu etwas anderem sind die Landesbanken nicht gut. Sie bekommen öffentliche Mittel und gehen nicht gut damit um. Die Banken zu privatisieren ist einen Versuch wert. Aber man sollte sich darauf vorbereiten die meisten oder gar alle zu schließen.
© manager magazin online 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH