Von Kai Lange
mm.de: Professor Hellwig, die durch faule US-Hypotheken ausgelöste Finanzkrise kann nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds IWF für einen Gesamtschaden von bis zu 960 Milliarden Dollar sorgen. Nun hat die US-Regierung die weltgrößten Hypothekenfinanzierer Fannie Mae
und Freddie Mac
unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt, und nach Bear Stearns gerät nun offenbar auch die US-Investmentbank Lehman Brothers
in Bedrängnis. Schlittern wir in eine jahrelange Rezession, weil internationale Großbanken auf der Jagd nach immer höheren Renditen das Risiko aus dem Blick verloren haben?
Hellwig: Ich wäre vorsichtig, die Schuld allein bei einzelnen Akteuren des Bankensektors zu suchen. Selbst der IWF ging noch im April 2007 in seinem 'Global Financial Stability Report' davon aus, dass die Hypothekenkrise in den USA kein größeres Risiko für das Finanzsystem darstelle. Er bezog sich auf Stress Tests, bei denen selbst im Worst-Case-Szenario nur ein geringer Anteil der Mortgage Backed Securities (MBS) betroffen sein würde. Selbst im schlimmsten der betrachteten Fälle, einem jährlichen Absinken der amerikanischen Häuserpreise von 12 Prozent über fünf Jahre hinweg, sollte es danach bei Anleihen bester Bonität zu keinen Ausfällen kommen. Das waren 85 Prozent der Anleihen. Verkürzt kann man sagen: Die Fehler, die Großbanken wie die UBS
mm.de: Wie konnte es zu dieser allgemeinen Fehleinschätzung kommen?
Hellwig: Alle gängigen Risikomodelle waren nicht in der Lage, bestimmte systemische Risiken korrekt abzubilden. Das gilt insbesondere für die Risiken, die dadurch entstanden, dass viele der Mortgage Backed Securities bei Institutionen wie den Special Investment Vehicles (SIV) gehalten wurden, bei denen etwa die Sächsische Landesbank oder die IKB
engagiert waren. Die Risikokontrolle hat versagt, weil sie sich auf Risikomodelle verließ, die gar nicht funktionieren konnten.
Hellwig: Die SIVs betrieben in großem Maße Fristentransformation. Ein großer Teil der Mortgage Backed Securities mit langer Laufzeit wurden nicht von Pensionsfonds oder Lebensversicherern, also Anlegern mit langem Zeithorizont gehalten, sondern landeten bei den SIVs, die sich durch Ausgabe kurzfristiger Titel auf dem Markt für Commercial Paper refinanzierten. Die damit verbundenen systemischen Risiken waren in den Risikomodellen der Banken nicht berücksichtigt, weil das Ausmaß der Fristentransformation gar nicht bekannt war.
mm.de: Die Refinanzierung über Commercial Paper funktionierte nicht lange.
Hellwig: Als Zweifel an der Qualität der Mortgage Backed Securities aufkamen, bekamen die Anleger im Markt für Commercial Papers Zweifel an der Bonität der SIVs und waren nicht mehr bereit, diese zu refinanzieren. Zwar hatten die jeweiligen Sponsoren, zum Beispiel Sächsische Landesbank und IKB, für diesen Fall zugesagt, dass sie die Liquidität der betreffenden SIVs sicherstellen würden. Doch gingen diese Zusagen weit über das hinaus, was sie tatsächlich leisten konnten. Die Liquiditätszusagen überstiegen ihr Eigenkapital um ein Vielfaches.
mm.de: Und dann kollabierte der Markt.
Hellwig: Mit dem Zusammenbruch der SIVs geriet der Markt für Mortgage Backed Securities selbst noch weiter unter Druck. Es gab plötzlich einen Überhang an diesen Papieren. Gleichzeitig setzte sich bei den Investoren die Erkenntnis durch, dass die MBS doch erheblich riskanter sind als gedacht. Die Risikoprämien schossen in die Höhe, und die Marktwerte der MBS fielen in den Keller - wenn es denn überhaupt noch Märkte dafür gab.
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