Donnerstag, 9. Februar 2012, 02:08 Uhr

manager magazin



22.08.2008
 

Robert Solow

"Armut ist etwas anderes"

Von Karsten Stumm, Lindau

Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Solow hat Neuigkeiten für die Bundesregierung: Im Gespräch mit manager-magazin.de erklärt er, dass Mindestlöhne keine Massenarbeitslosigkeit provozieren, sich hierzulande amerikanische Lohnverhältnisse ausbreiten - und warum europäische Tarifverträge ihn nicht mehr schockieren.

mm.de: Professor Solow, was läuft schief in Deutschland? Im Einzelhandel hierzulande arbeiten etwa ein Drittel aller Beschäftigten zu Niedriglöhnen, ganze Branchen wie etwa das Hotelgewerbe scheinen zu folgen - trotz mittlerweile passablem Wirtschaftswachstum. Verliert die Bundesrepublik ihr Gleichgewicht?

  Robert Solow  (Jahrgang 1924) ist bekannt für das neoklassische Wachstumsmodell. 1956 veröffentlichte der Ökonom erstmals das Modell, das Wirtschaftswachstum mit technologischem Fortschritt erklärt. 1987 wurde er dafür mit dem Nobelpreis geehrt.
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Christian Flemming

Robert Solow (Jahrgang 1924) ist bekannt für das neoklassische Wachstumsmodell. 1956 veröffentlichte der Ökonom erstmals das Modell, das Wirtschaftswachstum mit technologischem Fortschritt erklärt. 1987 wurde er dafür mit dem Nobelpreis geehrt.

Solow: Wissen Sie, ich forsche jetzt schon Jahrzehnte. Und ich bin bisher immer davon ausgegangen, dass die Zahl und Qualität schlecht bezahlter Jobs vom technologischen Stand einer Wirtschaft und den generellen Marktbedingungen der Weltökonomie abhängt. Aber das stimmt nicht.

Die Sozialgesetzgebung spielt eine gewaltige Rolle. Selbst unter vergleichbaren Staaten wie den USA, Deutschland, Frankreich oder Dänemark gibt es deshalb gewaltige Unterschiede. Und Deutschland bewegt sich mit großen Schritten auf amerikanische Verhältnisse zu. Das läuft schief.

mm.de: Bitte? Dabei hat die Bundesrepublik einen der höchsten Sozialetats weltweit.

Treffen der Nobelpreisträger


Seit 1951 begegnen sich in der bayerischen Bodensee-Stadt Lindau jährlich Nobelpreisträger für Chemie, Medizin und Physik und ausgewählte junge Wissenschaftler. Die Treffen wurden von Graf Lennart Bernadotte und zwei Lindauer Ärzten angeregt. Seit 2004 gibt es auch eine zweijährliche Tagung mit den Trägern des Nobelpreises für Wirtschaft, der seit 1968 von der schwedischen Reichsbank vergeben wird.

manager-magazin.de begleitet die diesjährige Tagung vom 20. bis zum 23. August als Medienpartner. 15 Nobelpreisträger haben sich in Lindau zusammengefunden.

Das offizielle Tagungsblog mit den Vorträgen der Ökonomen ist zu finden unter

http://palgrave.typepad.com/lindau/
Solow: Das ist richtig. Dennoch: Vor 15 oder 20 Jahren hatte die Bundesrepublik noch einen Niedriglohnsektor, vergleichbar mit dem heutigen in Dänemark; etwa 8 Prozent der Beschäftigten dort sind für die jeweiligen Landesverhältnisse schlecht bezahlt. Deutschland aber liegt mittlerweile bei nahezu jenen 25 Prozent, die wir auch in Amerika haben.

mm.de: Das heißt, dass sich in der Bundesrepublik Armutsarbeit ausbreitet?

Solow: So weit würde ich nicht gehen, nein. Die Löhne in Deutschland sind überdurchschnittlich hoch, verglichen mit denen in vielen Staaten. Wer in Deutschland weniger als zwei Drittel des Durchschnittslohns verdient, zählt deshalb zwar zu den Angestellten im Niedriglohnsektor. Armut aber ist etwas anderes.

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