22.08.2008
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Joseph Stiglitz

"Banken haben total versagt"

Von Karsten Stumm, Lindau

3. Teil: "Den Kontakt zu den Menschen völlig verloren"

mm.de: Was könnte der, was der Finanzmarkt allein nicht schafft?

Protest gegen Bear-Stearns-Notverkauf: Die New Yorker Investmentbank ist das bisher größte Opfer der Krise. Konkurrent J. P. Morgan übernahm das Haus im März mithilfe der US-Zentralbank
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REUTERS

Protest gegen Bear-Stearns-Notverkauf: Die New Yorker Investmentbank ist das bisher größte Opfer der Krise. Konkurrent J. P. Morgan übernahm das Haus im März mithilfe der US-Zentralbank

Stiglitz: Regeln aufstellen, die nutzen. Jeder Pharmafirma beispielsweise wird vorgeschrieben, dass sie die Unbedenklichkeit ihrer Arzneien selbst beweisen muss - und zwar, bevor die Pillen überhaupt verschrieben werden dürfen. Warum fordern wir so einen Unbedenklichkeitsbeweis nicht auch von Banken für deren Produkte? Neue Regeln brauchen wir auch für die Bezahlung der Bankmanager, die bisher eher für Risiko belohnt werden als für vorsichtiges Handeln. Denkbar ist zudem, Überhitzungsbremsen einzuziehen.

mm.de: Was bedeutet das?

Stiglitz: Sobald die Lage zu heiß wird, könnte den Geldhäusern beispielsweise vorgeschrieben werden, ihre Risikovorsorge zu erhöhen. Das würde Dampf ablassen, weil dann auch weniger neue Kredite vergeben werden können.

mm.de: Glauben Sie, dass die Banken aus der aktuellen, tief gehenden Krise etwas gelernt haben?

Stiglitz: Daran glaube ich nicht einmal ein winziges bisschen. Krisen scheinen doch alle zehn Jahre zu passieren, wenn auch nicht so tief gehende, wie derzeit. Ich fürchte, dass die Steuerzahler nach dieser Krise sich bereits darauf vorbereiten sollten, in der nächsten, die kommt, wieder einen Teil der Rechnung bezahlen zu müssen.

mm.de: Wann könnte den Steuerzahlern weltweit denn die Hutschnur platzen?

Stiglitz: Das frage ich mich auch immer. Ich denke, dass dafür sehr viel passieren muss. Die Steuerzahler sind zu nachsichtig. Aber wenn der Gedanke des Fair Play völlig ad absurdum geführt sein wird, könnte ihr Gleichmut kippen. Und das ist nicht ausgeschlossen, denn die Bankaristokraten weltweit, vor allem aber an der Wall Street, haben den Kontakt zu den Menschen völlig verloren. Deshalb könnte es sein, dass sie gar nicht bemerken, wann sie die gefährliche Fair-Play-Grenze überschreiten.

mm.de: Haben Sie eine Idee, welche das sein könnte?

Stiglitz: Vielleicht, nachdem die Steuerzahler weltweit riesige Milliardensummen für ihre Banken locker gemacht haben, deren Topleute sich aber noch die vertraglich fixierten Bonuszahlungen aus besseren Zeiten genehmigen, als sei nichts passiert?

mm.de: Sie fürchten wirklich, dass die Banker aber auch gar nichts aus der Finanzkrise lernen, oder? Obwohl so viele Geldhäuser derzeit so hohe Abschreibungen und teilweise echte Verluste haben?

Stiglitz: Trotzdem. Die ersten Meinungsmacher bringen sich doch bereits wieder in Stellung und warnen vor Überregulierung, obwohl wir nicht mal eine funktionierende Regulierung haben, die wahrscheinlich international koordiniert werden müsste. Die USA waren schon immer Meister darin, einen vermeintlichen Regulierungsversuch in eine weitere Deregulierung umzumünzen.

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