Tiflis - Er sei bereit zu einer sofortigen Waffenruhe, einer Truppenentflechtung und einer Demilitarisierung der Konfliktzone, sagte Georgiens Präsident Michail Saakaschwili am Samstagmittag.
Zugleich warf er Russland vor, den militärischen Konflikt, der gestern eskalierte, monatelang vorbereitet zu haben. Russische Streitkräfte würden "ethnische Georgier" vertreiben, nicht nur in der nach Unabhängigkeit strebenden Provinz Südossetien, sondern auch in der ebenfalls abtrünnigen Provinz Abchasien. "Georgien ist bereit, die ersten Schritte zu tun", erklärte Saakaschwili. Voraussetzung sei allerdings, dass ein internationaler Prozess in Gang komme, um die Krise zu lösen.
Saakaschwili kritisierte die internationale Staatengemeinschaft: Schon vor Monaten habe er seine "Partner und Freunde" darüber informiert, dass Russland einen Krieg gegen Georgien plane. "Wir hatten die Informationen, wir hatten die Analysen, aber keiner wollte auf mich hören", sagte er. Namentlich erwähnte er in diesem Zusammenhang die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und den deutschen Außenminister und Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier.
Der am gestrigen Freitag eskalierte Konflikt zwischen Russland und Georgien dreht sich um die Provinz Südossetien, die formal zu Georgien zählt, aber nach Unabhängigkeit strebt. Russland ist mit den Separatisten verbündet.
Saakaschwili erklärte, bisher hätten die georgischen Streitkräfte zehn russische Kampfflugzeuge abgeschossen. Moskau hat bisher erst den Verlust von zwei Jets eingeräumt.
Saakaschwili bestätigte zudem, dass er das Parlament gebeten habe, den Kriegszustand zu erklären. Das bedeute keine Einschränkungen der Pressefreiheit, der Bewegungsfreiheit oder politischen Grundrechte, sagte er. Es bedeute lediglich, dass das Parlament in ständiger Sitzung zusammenkomme. "Wir sind eine lebhafte Demokratie", bekräftigte der Präsident.
Russische und georgische Truppen haben sich am Samstagmorgen erneut heftige Kämpfe in der abtrünnigen georgischen Region Südossetien geliefert. Laut einer südossetischen Regierungssprecherin konzentrierten sich die georgischen Artillerieangriffe auf die Hauptstadt Zchinwali.
Die russische Armee startete nach eigenen Angaben einen Gegenangriff. Russische Seiten berichten, dass die die russische Armee die Provinzhauptstadt der abtrünnigen georgischen Region Südossetien Zchinwali unter Kontrolle. Russische Soldaten hätten die Stadt "völlig befreit", berichteten russische Medien unter Berufung auf das russische Militär.
Die georgische Regierung berichtete außerdem am frühen Morgen von Luftangriffen auf einen Militärstützpunkt nahe der Hauptstadt Tiflis und auf zwei weitere Stützpunkte. Auch Anlagen für den Transport von Rohöl in den Westen seien angegriffen worden, sagte ein Sprecher des Innenministeriums, Schota Utijaschwili.
Die Hafenstadt Poti am Schwarzen Meer wurde dem Sprecher zufolge von Kampfflugzeugen bombardiert. In Poti gibt es eine große Ölverladestation. Auch in der Umgebung der wichtigen Ölpipeline Baku-Tiflis-Ceyhan seien Bomben eingeschlagen. Bei den Angriffen habe es offenbar beträchtliche Opfer und Schäden gegeben, sagte Utijaschwili. Nähere Einzelheiten dazu könne man aber erst am Vormittag sagen. Eine russische Bombe soll einen Wohnblock in einer georgischen Stadt getroffen haben, wobei mindestens zwei Zivilisten ums Leben kamen.
Alle internationalen Aufrufe zu einem Ende der Gewalt verhallten ungehört. Ein georgischer Vertreter kündigte an, bald das Kriegsrecht auszurufen. Der UN-Sicherheitsrat vertagte sich auf Samstag.
Bereits am Freitag hatte der Konflikt um die abtrünnige georgische Region kriegsähnliche Ausmaße angenommen. Nach einer nächtlichen georgischen Militäroffensive kam es zu heftigen Gefechten zwischen georgischen und russischen Truppen sowie südossetischen Kämpfern. Der Präsident des nach Unabhängigkeit strebenden Gebiets, Eduard Kokojty, sprach am Abend von mehr als 1400 Toten - überprüfen ließ sich diese Zahl allerdings zunächst nicht. Die russische Armee sprach am Samstag von bislang 15 getöteten "Friedenssoldaten", Georgien von mehr als 30 gefallenen georgischen Soldaten.
Die Gefechtslage blieb unübersichtlich. Während der georgische Präsident Micheil Saakaschwili am Abend verkündete, seine Einheiten kontrollierten Südossetien nahezu umfassend, beanspruchten die südossetischen Unabhängigkeitskämpfer die Kontrolle über Zchinwali für sich. Die Hauptstadt mit ihren rund 20.000 Einwohnern sei "beinahe vollkommen" durch georgischen Beschuss zerstört, berichtete Interfax. Fernsehbilder aus Zchinwali zeigten brennende Panzer sowie immer wieder Frauen und Kinder, die in Panik Schutz suchten. Eine Sprecherin vom Komitee des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK) sprach von chaotischen Zuständen: Die Krankenhäuser seien hoffnungslos überfüllt, operiert werde in den Fluren.
Russland und Georgien machten sich gegenseitig für die Eskalation verantwortlich. Der georgische Vertreter bei den Vereinten Nationen, Irakli Alasania, warf den russischen Truppen vor, eine Militäroffensive gegen ganz Georgien gestartet zu haben. Der Sekretär des georgischen Nationalen Sicherheitsrats, Alexander Lomaja, berichtete von russischen Angriffen auf die "zivile und wirtschaftliche Infrastruktur" seines Landes. Russische Flugzeuge hätten unter anderem Poti, den Flughafen in Senaki sowie einen Eisenbahnknotenpunkt bombardiert, sagte er. Sicherheitshalber seien der Präsidentensitz in Tiflis sowie weitere Regierungsgebäude evakuiert worden. Präsident Saakaschwili sei an einem sicheren Ort untergebracht.
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