Von Henrik Müller
mm.de: Schwellenländer wie Argentinien oder die Ukraine reagieren auf die aktuelle Entwicklung, indem sie Exporte von Nahrungsmitteln erschweren.
Rogoff: Das ist ein sehr krudes Instrument, um die Armen in den Städten zu schützen. Die Kosten dieser Maßnahmen sind sehr hoch. Es wäre viel effizienter, Exporte zu erlauben. Aber Sie müssen es polit-ökonomisch sehen: Bei den hohen Nahrungsmittelpreisen stehen die städtischen Armen auf der Verlierer- und die Bauern auf der Gewinnerseite - die Bauern würden bei Freihandel mehr gewinnen als die städtischen Armen verlieren.
Deshalb wäre es besser, die Bauern höher zu besteuern und damit die Verlierer staatlich unterstützen zu können. Aber Argentinien ist immer noch teilweise ein "failed state", der diesen Transfer nicht hinbekommt. Insofern sind die Exportbeschränkungen nicht wünschenswert, aber sie sind verständlich, weil bessere Instrumente nicht zur Verfügung stehen. Das sind Stop-Loss-Maßnahmen, Verzweiflungstaten.
mm.de: Was wäre denn aus westlicher Sicht die richtige politische Reaktion auf die Hunger-Hausse?
Rogoff: Kurzfristig: die Nahrungsmittelhilfen ausweiten. Langfristig muss es darum gehen, das Angebot zu erhöhen. Zum Beispiel fruchtbaren Gegenden in Afrika und Asien dabei helfen, die Agrarerträge zu steigern, indem man dort den Dünger subventioniert. Die Öffnung der Agrarmärkte im Rahmen der WTO-Verhandlungen würde auch dabei helfen, die globale Produktivität in der Landwirtschaft zu steigern.
All das wird so lange Zeit in Anspruch nehmen, dass es den Armen vor Ort nicht nützt: Wer bislang schon 50 Prozent seines Einkommens für Nahrung ausgegeben hat, muss sein ganzes Geld aufwenden, wenn sich die Preise verdoppeln. Steigen sie noch weiter, muss er hungern. Viele Länder sorgen sich um die politische Stabilität. Deshalb setzen sie alles daran, die Armen kurzfristig zu unterstützen.
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