Selbst in Vietnam wird gestreikt
Schrettl sieht demgegenüber die Gefahr, dass die Osteuropäer mittelfristig überreizen. Viele Gewerkschaften werden sich gerade ihrer Macht bewusst, nachdem sie in den Ostblock-Jahren eine andere Rolle hatten. Damals waren sie dazu da, die Produktion auf Seiten der Arbeiter mitzuorganisieren. Erst allmählich verstehen sie sich als Interessenvertreter gegenüber den Konzernzentralen. Steigen die Löhne zu stark, wird mancher Konzern weiterziehen, dahin, wo die Arbeitskosten noch niedriger liegen. In die Ukraine etwa, wo keine allzu rasche Aufwärtsbewegung zu erwarten ist, oder nach Moldawien; schließlich nach Asien.
Langfristig, so Schrettl, werde auch in Asien das Ende der Fahnenstange erreicht. Erste Signale gibt es schon jetzt. In Vietnam streiken die Näherinnen in einer Schuhfabrik seit Monatsbeginn für eine Lohnsteigerung um 20 Prozent. In dieser Größenordnung steigen derzeit auch die Arbeitskosten in China. Im Februar hat die dortige Staatsregierung die Sätze für die soziale Sicherung angehoben.
Außerdem sind viele Arbeiter im Februar nicht aus ihrem Urlaub zum chinesischen Neujahrsfest in die Fabriken zurückgekehrt, weil es in der Landwirtschaft ihrer Dörfer so viel zu tun gibt. "Es ist ja nicht so, dass Millionen von Arbeitern auf den Weltarbeitsmarkt drängen", erklärt FES-Ökonom Dauderstädt. "Die Arbeitskräfte in Schwellenländern, auf die globale Konzerne bei Kostensenkungen gern zurückgreifen, haben vorher auch irgendwo gearbeitet."
Für die Unternehmen ist die Lage im billigen Osten längst nicht mehr eindeutig. Es hat eine Rückbewegung zahlreicher Hersteller nach Deutschland eingesetzt. Viele sind von den tatsächlichen Arbeitsbedingungen enttäuscht; steigende Kosten kommen erschwerend hinzu. Ein paar Jahre in die Zukunft gedacht, könnte die Discountwelle abebben: "Billigprodukte, wie wir sie als Aktionsware vom Supermarkt oder Baumarkt kennen, wird es nicht ewig zu diesen Preisen geben", so Schrettl. Auf einen Zeitrahmen will sich aber keiner der Experten festlegen - zu viele Faktoren spielen eine Rolle.
Noch sind die Unterschiede groß. Können die Vietnamesinnen die Lohnsteigerungen von 20 Prozent durchsetzen die sie fordern, dann verdienen sie bald etwa 45 Euro - im Monat.
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