Von Henrik Müller
mm.de: Viele meinen, die Entwicklung des Euro zu einer internationalen Währung müsse einhergehen mit einem substanziellen Leistungsbilanzdefizit des Euro-Raums insgesamt. Wäre das die richtige Strategie für die alternden Gesellschaften Europas? Oder müssen sie nicht gerade Überschüsse erwirtschaften und Auslandsvermögen ansammeln?
Remsperger: Die These, dass die zunehmende internationale Bedeutung einer Währung unbedingt mit einem Leistungsbilanzdefizit einhergehen muss, erscheint mir nicht überzeugend. Jedenfalls spricht die Erfahrung mit den deutschen Leistungsbilanzüberschüssen zu Zeiten der D-Mark dagegen. Grundsätzlich sind Salden im internationalen Güter- und Kapitalverkehr bei flexiblen Wechselkursen das Ergebnis von Marktprozessen.
Für die alternden Gesellschaften Europas kommt es vor allem darauf an, die heimische Wirtschaft und die Sozialsysteme durch geeignete Reformen zukunftsfest zu machen. Dazu gehören eine langfristig tragfähige Verschuldung der öffentlichen Haushalte sowie ein solides Wachstum und eine hohe Produktivität.
mm.de: Welcher institutionellen Veränderungen bedarf es im Euro-Gebiet? Braucht eine stärker international genutzte Währung etwa eine einheitliche Finanzmarktaufsicht?
Remsperger: Der Euro hat mit dem Euro-System der Zentralbanken eine solide institutionelle Grundlage erhalten. Für den Übergang zu einer zentralen Banken- oder Finanzmarktaufsicht sehe ich keine unmittelbare Notwendigkeit. Die heutigen Strukturen haben sich gerade auch während der Finanzmarktturbulenzen im vergangenen Jahr in Deutschland als reaktionsschnell und flexibel erwiesen.
mm.de: Die Erwartungen, der Euro werde den Dollar als Weltwährung Nummer eins ablösen, rührt insbesondere aus den Signalen asiatischer und arabischer Länder her, die bislang den Dollar als Anker-, Handels- und Reservewährung nutzen und erwägen, zum Euro überzugehen. Für wie groß halten Sie die Wahrscheinlichkeit, dass der Euro die dominierende Währung im innerasiatischen beziehungsweise im Ölhandel werden kann?
Remsperger: Eine grundsätzliche und abrupte Abkehr vom US-Dollar als Schlüsselwährung sehe ich derzeit nicht. Die Attraktivität und das Wachstumspotenzial der US-Wirtschaft sind trotz aller aktuellen Probleme nach wie vor groß. Was ich aber erwarte, sind graduelle Verschiebungen bei der internationalen Verwendung von Währungen.
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