Von Wolfgang Hirn
Streit um Ideen und Patente
Der QQ ist ein schlichter chinesischer Kleinwagen. Er kostet rund 4000 Euro und ist somit für viele Chinesen erschwinglich. Innerhalb von wenigen Jahren ist er zum beliebtesten Auto der Chinesen geworden. Der QQ ist also ein Erfolgsmodell.
Die Manager des US-Autokonzerns General Motors sehen das freilich anders. Für sie ist der QQ von der Autofirma Geely eine billige Kopie ihres Chevrolet Spark. Sie gehen deshalb mit allen rechtlichen Mitteln gegen die vermeintlichen chinesischen Fälscher vor. Bislang vergeblich.
Ja, die Chinesen sind begnadete Kopierer. Sie sind in dieser Disziplin viel besser als früher die Japaner. Und sie sind weniger skrupulös. Ihr Schuldbewusstsein hält sich in Grenzen. Eigentumsrechte sind für sie ein imaginäres, schwer zu fassendes Gut. "Der Gedanke, dass die Idee, also ein immaterieller Wert, der Besitz lediglich einer Person oder einer Gruppe von Menschen sein könnte, widerspricht dem konfuzianischen Gedankengut völlig", schreibt Hans-Joachim Fuchs in seinem Buch "Piraten, Fälscher und Kopierer".
Die Chinesen kopieren deshalb munter weiter. Hemden von Ralph Lauren, Schuhe von Adidas, Software von Microsoft, DVDs von Warner Brothers, Maschinen von Trumpf und Autos von Toyota. Amerikanische und europäische Unternehmen regen sich über solche Dreistigkeiten mächtig auf. Deshalb gehören bei jedem westlichen Politikerbesuch in China mahnende Worte zur gefälligen Beachtung der Intellectual Property Rights (IPR) zum Standardprogramm.
Doch vor allem die Amerikaner haben keinen Grund, sich zum Moralapostel in dieser Frage aufzuschwingen. Wenn sie nämlich in die Gründerjahre ihrer Republik zurückblicken würden, hätten sie ein Déjà-vu-Erlebnis. Denn: "Amerikaner und Europäer, die sich derzeit über ausländischen Wissensklau aufregen, vergessen dabei, dass es vor 200 Jahren genau andersherum lief." Diese überraschende wie unbequeme Wahrheit stammt von dem US-Historiker Doron Ben-Atar.
Er hat in seinem Buch "Trade Secrets: Intellectual Piracy and the Origins of American Industrial Power" sehr eindrucksvoll beschrieben, wie der Erfolg der amerikanischen Industrialisierung Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf der Missachtung von Urheberrechten und auf Industriespionage basierte.
Opfer der Amerikaner waren damals die Briten, die in jener Zeit die wirtschaftlich fortschrittlichste Nation der Welt bildeten. Ihnen klauten die Amerikaner - unterstützt von der Regierung - Ideen und Produkte.
Das Resümee von Ben-Atar muss chinesischen Politikern in den Ohren klingeln: "Das historische Beispiel der USA zeigt, dass Industriespionage der Königsweg zum wirtschaftlichen Erfolg ist."
In den rund 250 Jahren seit Beginn der Industrialisierung hat es immer Ideenklau und Wirtschaftsspionage gegeben. Lange Zeit tobte dieser Wirtschaftskrieg fast nur unter den arrivierten Staaten im Westen: Amerikaner gegen Europäer, Franzosen gegen Deutsche. Doch nun wird der Westen zum ersten Mal von einer asiatischen Großmacht attackiert - und das Geschrei ist plötzlich groß.
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