09.07.2007
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Müllers Welt

Ein Land im Blindflug

Von Henrik Müller

3. Teil: Ruck-Business mit Nationaltheater

Ich frage mich, wie man eine bevorstehende Trendwende derart geschlossen übersehen kann. Wie konnte es so weit kommen? Dazu drei Thesen:

Betriebsblindheit: Die meisten Professoren und Institutsforscher unterlassen es, sich zwischendurch Eindrücke aus der realen Welt zu verschaffen
DDP

Betriebsblindheit: Die meisten Professoren und Institutsforscher unterlassen es, sich zwischendurch Eindrücke aus der realen Welt zu verschaffen

  1. Das Ruck-Business: Viele deutsche Ökonomen haben sich derart lautstark in die politische Debatte eingemischt und für marktliberale Reformen getrommelt, dass sie sich eine Verbesserung der Lage ohne solche Reformen schlicht nicht vorstellen konnten - oder nicht vorstellen wollten, weil sie ihre eigenen Reformthesen nicht widerlegt sehen wollten. Wer groß im Ruck-Business ist, verliert womöglich seine Objektivität.

  2. Das Nationaltheater: Dass die Bundesrepublik quasi unaufhaltsam auf dem absteigenden Ast sei, das war lange die herrschende Meinung im Lande. Es erforderte also etwas Mut, gegen den Mainstream zu argumentieren. Dieses negative Nationaltheater - dieser Glaube an den langfristigen Untergang Deutschlands - war allerdings nicht auf die Ökonomenzunft beschränkt, sondern unter Managern und Unternehmern genauso verbreitet (und, ja, unter Wirtschaftsjournalisten auch).

  3. Das Konklave-Prinzip: Mein Eindruck ist, dass deutsche Konjunkturforscher sehr modellgläubig sind. Faktoren, die in ihren theoretischen Gedankengebäuden nicht vorkommen, werden einfach ausgeblendet. Da die Modelle aber Wirtschaftsstrukturen der Vergangenheit abbilden, führt übermäßige Modellgläubigkeit zu Betriebsblindheit, gerade in Zeiten wie diesen, da sich die Strukturen rasant ändern (internationale Verflechtungen, Aufstieg von China und anderen, neue Spieler und Instrumente auf den Kapitalmärkten et cetera). Bankökonomen sind in ständigem Kontakt mit Kapitalmarktakteuren; in internationalen Institutionen arbeitet man mit Kollegen anderer Nationalitäten zusammen; wir Journalisten gehen raus und reden mit vielen unterschiedlichen Akteuren. Die meisten Professoren und Institutsforscher verharren lieber im Wissenschaftlerkonklave, statt sich zwischendurch mal - zugegeben subjektive - Eindrücke aus der realen Welt zu verschaffen.

Ökonomen sind keineswegs überflüssig. Ihre Expertise und ihr Rat werden gebraucht. Aber um auch in Zukunft noch Gehör zu finden, müssen sie ihr öffentliches Auftreten und ihre Arbeitsweisen überdenken. Andernfalls verharrt das Land im Blindflug.

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