Die Freizeitgesellschaft ist ein Auslaufmodell. Wir stehen am Beginn einer stressigen Ära. Es ist nämlich so: Uns geht keineswegs die Arbeit aus. Im Gegenteil, die demographische Krise werden wir nur abwenden können, wenn mehr Menschen mehr arbeiten, und das immer produktiver. Und? Ist das schlimm?
Gegenfrage: Warum sollte eine Gesellschaft, die Arbeitslosigkeit als vordringliches Problem ansieht, Schwierigkeiten damit haben, wieder mehr zu arbeiten?
Dass wir immer älter werden und immer länger gesund bleiben, ist kein Problem, sondern ein großes Glück. Das Problem ist nur: Viele Leute wissen mit ihrer verlängerten Lebenszeit bislang nicht viel anzufangen.
Länger zu arbeiten und sich immer weiter zu bilden sind da angenehme Alternativen zum Dauerrentnermüssiggang. Es ist im Übrigen der einzige Weg, der wirklich gegen die demographische Krise hilft (siehe "Arbeit").
In den 90er Jahren war ich ein glühender Euro-Befürworter. Rationale Geldpolitik aus einem Guss für ganz Europa – das schien mir ein sinnvolles Ziel. Dass der Euro eine Weltwährung werden würde, war mir schon Ende der 90er Jahre klar. Ich schrieb eine Dissertation und ein Buch darüber.
Der D-Mark weine ich keine Träne nach. Aber wird die Währungsunion ewig halten? Da bin ich inzwischen skeptisch. Die wirklichen Bewährungsproben kommen noch. Eine Währung ist eben mehr als ein bloßes Schmiermittel der Ökonomie.
Gegen die Globalisierung zu sein ist wie gegen das Wetter zu opponieren – absolut folgenlos. Auf beides kann man sich allerdings einstellen: Wer vorbereitet ist, kann sich schützen, und neue Konstellationen nutzen. Wir sind nicht machtlos.
Nur: Wer glaubt, er könne der halben Menschheit ihre Chance auf mehr Wohlstand nehmen, der irrt sich gewaltig. Und er handelt moralisch zweifelhaft. Sicher, die Welt ist in Bewegung geraten, für jeden spürbar. Das ist gelegentlich beunruhigend, aber immer spannend.
Dies sollte das Ziel allen Wirtschaftens sein – der größtmöglichen Zahl von Menschen eine möglichst hohe Lebenszufriedenheit zu ermöglichen. Weil nur der einzelne weiß, was ihm individuell gut tut, sollte er sich möglichst autonom entfalten können. Unfreiheit macht unglücklich, das ist empirisch eindrucksvoll belegt. Auch materielle Armut macht unglücklich, Kriminalität und Krieg sowieso, Arbeitslosigkeit und Einsamkeit auch.
All diese Faktoren liegen nicht allein in der Hand des Einzelnen. Staat, Gesellschaft und Wirtschaft müssen den Bürgern helfen, Bedingungen zu schaffen, unter denen sie zufrieden leben können. Zugegeben, das ist leicht geschrieben – und viel schwerer getan.
Freie Gesellschaften brauchen einen emotionalen Überbau – eine nationale Identität. Patriotische Gefühle, wenn man so will. Warum sonst sollten wir freiwillig mit uns unbekannten Mitbürgern Solidarität üben? Gerade in der Ära der Globalisierung ist ein aufgeklärterer, toleranter Patriotismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor (siehe auch mein Buch "Wirtschaftsfaktor Patriotismus").
Eine belastbare kollektive Identität hilft Gesellschaften, im verschärften internationalen Wettbewerb zu bestehen. Wir Deutschen tun uns schwer damit.
Niedrige Steuern, freies Spiel der Kräfte, möglichst wenig Staat – dies ist die immer noch herrschende Ökonomen-Lehre. Eine naive Perspektive. Ohne funktionierenden staatlichen Sektor gibt es weder Wohlstand noch Sicherheit. Die interessanten Fragen lauten: Wieviel Staat für welche Aufgaben?
Die Antworten lassen sich nicht allgemein gültig formulieren. Jede Gesellschaft sollte den öffentlichen Sektor haben, der zu ihrem Wertesystem passt. Letztlich geht es also um kulturelle Fragen. Deshalb sind staatliche Systeme nicht so einfach von einem Land aufs andere übertragbar.