Von Henrik Müller
Belege? In kaum einem anderen Land sind die "Akademikerprämien" so stark gestiegen wie in Deutschland: 1997 verdienten Hochschulabsolventen vor Steuern im Durchschnitt 33 Prozent mehr als Beschäftigte mittlerer Qualifikation (etwa Absolventen einer klassischen Lehre). 2004 lag der Einkommensvorsprung schon bei 53 Prozent.
Es gibt nur zwei Länder, in denen sich die Schere noch schneller öffnete: Ungarn und Italien – beide verzeichnen sehr niedrige Akademikerquoten. Der Zusammenhang zeigt sich international: Wo die Akademikerdichte hoch ist, fallen in der Regel die Lohnzuschläge für Hochqualifizierte niedrig aus (in der Grafik die Punkte rechts unten).
Umgekehrt sind die Lohnzuschläge dort besonders hoch, wo es nur wenige Akademiker gibt (oben links). Sicher, auch andere Faktoren spielen eine Rolle – Branchenstrukturen etwa oder Migrationsbewegungen – aber die globale Tendenz ist so klar wie einleuchtend: Wo kluge Köpfe knapp sind, steigt ihr Preis. Die Zahlen zeigen auch: Die Umverteilung findet vor allem zwischen mittleren und hohen Qualifikationen statt; die Einkommen von gering Qualifizierten indes sind in den meisten OECD-Ländern weitgehend stabil.
Dies ist erst der Anfang. Hochqualifizierte werden in den kommenden Jahren in Deutschland immer knapper. Aus drei Gründen: Erstens hat die Bundesrepublik den globalen Bildungsboom verschlafen, so dass es zu wenig jüngere Akademiker gibt, um jene älteren zu ersetzen, die sich in den Ruhestand verabschieden. Zweitens wird die Nachfrage nach Hochqualifizierten steigen, weil die fortschreitende Globalisierung dafür sorgt, dass sich reiche Länder weiter auf hochproduktive Tätigkeiten spezialisieren. Und drittens tut Deutschland zu wenig, um passend qualifizierte Inländer im Land zu halten und Ausländer anzulocken.
Mutmaßliche Folge: weiterhin rasch steigende Einkommenszuschläge für Akademiker – vulgo: immer weniger "soziale Gerechtigkeit".
Nicht der Klassenkampf von oben sorgt für zunehmende Ungleichheit, sondern Knappheitsverhältnisse und Marktprozesse. Wer daran etwas ändern will, muss sich der Bildungs- und der Einwanderungspolitik annehmen. Aber das ist komplexer, langwieriger und weniger publikumswirksam als lautstarkes Kapitalisten-Bashing.
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